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Lindenstraße: Die lange Kultnacht:"Wir werden dicker. Wir werden älter."

Die "Lindenstraße" wird 25 Jahre alt und feiert sich drei Stunden lang selbst. Dazu kommen Wowi, Kristina Schröder und Co. Die Gästeschar ist lang.

Man kann sich als Fernsehschaffender seine Zuschauer nicht aussuchen. Ob sie zur ausgestrahlten Gesinnung passen oder nicht. Insofern war es vielleicht immer schon ein Irrtum, anzunehmen, es würden nur linksbewegte Selbststricker die Lindenstraße schauen. Es waren und sind auch ganz andere dabei. Etwa Kristina Schröder, 33. Sie hat sich 1998 ein Junge-Union-Poster ins Kinderzimmer gehängt, auf dem ein Elefant im Wolfgangsee und die Forderung "Keep Kohl" zu sehen waren. Damals war sie aber schon drei Jahre lang in anderer Weise geprägt - als Fan der Lindenstraße. "Ich habe seit 1995 keine Folge verpasst", gesteht sie.

Die Familienministerin von der CDU sagt das am Totensonntag um die Mittagszeit. Da sitzt sie in der Kulisse des "Akropolis", wo der Krautsalat 1,90 Euro kostet. "Wir begrüßen Sie herzlich in unserem griechischen Spezialitäten-Restaurant und hoffen, dass Sie eine angenehme und zufriedene Zeit in unserem Lokal verbringen", steht auf der zerfledderten Speisekarte, und die Anweisung sollen gerade eine ganze Menge Menschen befolgen.

Man kann diese Menschen kennen, wenn man sonntags um 18.50 Uhr nichts Besseres zu tun hat, als das Erste einzuschalten. Nun sieht man sie alle wieder, die Schauspieler der Lindenstraße, von denen manche seit 25 Jahren dabei sind und mal mehr, mal weniger die nationale Befindlichkeit spiegeln.

"Könnt ihr mal ein richtig stolzes Gesicht machen", sagt die gemeinsam mit Götz Alsmann als Moderatorin engagierte Christine Westermann und meint damit die Lindenstraßen-Veteranen, die sich gerade an ihrem Tisch versammelt haben - und so aussehen, wie man eben aussieht, wenn man am Sonntagmittag so tun soll, als befinde man sich in mitternächtlicher Feierlaune. Schließlich ist dieses Gespräch Teil einer mehr als dreistündigen Show, der langen Kultnacht, die an diesem Samstag im Ersten die Zeit um Mitternacht beleben soll, nachdem in einer Sonderfolge durchgespielt wurde, was wohl wäre, wenn das Drehbuch hie und da mal anders entschieden hätte.

Natürlich guckt dann im "Akropolis" doch niemand wirklich stolz, weil so ein Ausdruck im Lindenstraßen-Kosmos einfach nicht vorgesehen ist. In der dienstältesten deutschen Seifenoper ist vor allem jene Durchschnittlichkeit gefragt, die für das Alltagsgeschehen der Republik qualifiziert. Einst aber war die Lindenstraße bedeutsam, als die Serie noch mehr als zehn Millionen Zuschauer hatte und Zeit Furore machte mit schwulen Küssen und politischen Aktionen.

Impressionen aus der "Lindenstraße"

Ein Paralleluniversum

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