Süddeutsche Zeitung

Lieblingsserie: The Wire:Der Slang von Baltimore

Wo sich Polizisten und Drogendealer belauern und ein postmoderner Robin Hood sein Unwesen treibt: Die HBO-Serie "The Wire" erzählt vom aussichtslosen Kampf zwischen Gut und Böse in der amerikanischen Großstadt - und bricht dabei mit allen Konventionen.

US-Serien laufen im deutschen Fernsehen meist zu unmöglichen Zeiten, werden lange nach dem Start in den USA gesendet - oder sind überhaupt nur auf DVD oder im Pay-TV zu sehen. Dabei sind wir süchtig. sueddeutsche.de-Redakteure bekennen in loser Folge ihre heimlichen Leidenschaften - und merken auch Kritisches an.

Zu Beginn irritiert alles, die Sprache, die Erzählgeschwindigkeit und die Vielzahl der Personen. Die US-Serie The Wire bricht mit allen Konventionen: Es gibt keine hektischen Schnitte, keine Großaufnahme von Schusswunden wie bei CSI, das klassische Gut-Böse-Schema funktioniert nicht und am Ende ist auch kein Fall gelöst. The Wire ist mehr als eine Polizeiserie, sie ist ein Epos über den Niedergang der amerikanischen Großstadt. Erzählt wird die Geschichte von Polizisten, Drogendealern, Gewerkschaftern, Politikern, Lehrern und Journalisten in Baltimore. Jede dieser Gruppen will ihren Platz in der Stadt behaupten, die Idealisten wollen sie verändern, die anderen sie beherrschen. Doch mit jeder Folge geht die Stadt ein bisschen mehr zugrunde. Keiner entkommt diesem System aus Kriminalität, Korruption, sozialem Abstieg und der düsteren Zukunftsaussicht.

Und trotzdem: The Wire ist weder deprimierendes Drama noch apokalyptisches Untergangsszenario. Die etwa 30 Hauptfiguren sind voller Humor, warmherzig und lebendig, man lebt, liebt und leidet mit ihnen und hofft auf eine Welt, in denen Kinder zur Schule gehen und nicht schwerbewaffnet an der Straßenecke Designerdrogen verkaufen. Wer sich einmal auf das epische Erzähltempo, das mit dem großer Romane von Fjodor Dostojewskij oder Charles Dickens vergleichbar ist, einlässt, dem eröffnet sich eine neue Welt des Fernsehens.

Keine Spuren des Drogenbosses

Die erste Staffel erzählt die Jagd auf den Drogenboss Avon Barksdale. Weil er nirgends Spuren hinterlässt, muss eine neugeschaffene Sondereinheit Pager und Mobiltelefone abhören - daher der Titel der Serie: The Wire meint Verbindungen, mit denen abgehört wird. Doch die Ausstattung ist miserabel. Die oberste Führungsriege der Polizei interessiert sich nicht so recht für das neue Team. Zu den Ermittlern gehört Jimmy McNulty (gespielt von Dominic West), ein desillusionierter Polizist, der dennoch alles dransetzt, Barksdale dranzukriegen. Nur leider trinkt McNulty zu viel und treibt sich mit Frauen herum, was ihn seine Ehe kostete. Jetzt verwendet er viel Mühe und Dienstzeit darauf, seine Ex zurückzugewinnen.

Seine Partnerin ist Shakima "Kima" Gregs (Sonja Sohn), eine Lesbe mit Baseballmütze, die sich allabendlich vor ihrer Lebensgefährtin rechtfertigen muss, weil sie zu viel Zeit im Dienst verbringt. Und der analytische Detektiv Lester Freamon (Clarke Peters) bastelt gerne Möbel für Puppenhäuser, wenn er nicht endlose Stunden vor dem Abhörgerät sitzen muss. Sie alle wollen Barksdale dingfest machen.

Aber während Drogendealer und Polizei sich einander belauern, räumt ein anderer ab: Omar (Michael K. Williams), ein schwarzer Dandy mit Ledermantel und einer großflächigen Narbe im Gesicht. Regelmäßig lauert Omar Barksdales Leuten mit schweren Waffen auf und raubt ihre Einnahmen. US-Präsident Barack Obama erklärte, diese postmoderne Variante des Robin Hood, sei seine Lieblingsfigur in der Serie.

Am Ende der ersten Staffel ist zwar eine Schlacht gewonnen, doch der Krieg geht mit anderen Protagonisten weiter. Staffel zwei beginnt mit zehn unbekannten weiblichen Leichen in einem Containerschiff. McNulty mischt sich in die Ermittlungen ein, die zur Gewerkschaft der Hafenarbeiter führen. Deren Chef muss sich gleich mit mehreren Problemen herumschlagen: Er liegt im Clinch mit einem ranghohen Polizisten, will aber Arbeitsplätze am Hafen sichern und verschiebt, um Geld für die Gewerkschaft zu beschaffen, Schiffsladungen an Kriminelle.

Obamas Lieblingsfigur

In Teil drei der Serie wird "Hamsterdam" geschaffen: In dem entvölkerten Wohngebiet der Ostküsten-Metropole dürfen die Drogenkids ihre Ware verkaufen - dafür sollen sie sich aus den bewohnten Gebieten Baltimores zurückziehen. Die Politiker, mitten im Wahlkampf steckend, packt das blanke Entsetzen.

Wie wenig Chancen die Jugendlichen auf eine Ausbildung haben, erzählt Staffel vier. Das Schulsystem ist marode und die Lehrer halten lieber unsinnige Vorgaben der Schulbehörde ein, als die Kinder tatsächlich zu fördern. Die fünfte und letzte Staffel stellt die Journalisten ins Zentrum des Geschehens.

Der realistische Blick auf den Kampf einer Stadt ums Überleben und die hohe Authentizität der Figuren sind dem Autorenteam zu verdanken, die wirklich wissen, worüber sie schreiben. Produzent David Simon war zwölf Jahre lang Polizeireporter bei der Baltimore Sun. Unterstützt wurde er von Ko-Autor Ed Burns, einem Detektiv aus Baltimore sowie von dem in der Bronx geborenen Richard Price.

Wie gut das Schreiber-Team Baltimore kennt, zeigt sich auch an der Sprache der Protagonisten: Jede der gesellschaftlichen Gruppen redet und lebt in ihrem eigenen Jargon. Den Drogenkindern beispielsweise ist jegliche Grammatik fremd, sie verständigen sich mit Begriffen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind. Allen gemeinsam ist der Slang von Baltimore. So mussten die Zuschauer von HBO teilweise zu den Untertiteln schalten, um den Dialogen folgen zu können.

Vorgetäuschter Drogendeal

Das stellt auch die deutsche Synchronisation vor Herausforderungen. Zum einen kann der amerikanische Dialekt nicht in einen deutschen umgewandelt werden, die Gefahr, dass die Figuren lächerlich wirken, wäre zu groß. Zum anderen gibt es für manche Begriffe wie "byburst" und "stashhouse" einfach keine deutschen Entsprechungen. Die Deutsche Synchron in Berlin, die dafür verantwortlich ist, löste das Problem so: Sie behält manche englischen Wörter einfach bei und setzt darauf, dass der Zuschauer aus dem Zusammenhang begreift, dass es sich um einen vorgetäuschten Drogendeal und um das Drogenversteck geht.

Die Serie hat in den USA mehrere Preise erhalten, darunter 2002 die Auszeichnung des Time Magazines als "Beste Fernsehserie". Nach der fünften Staffel, die in den USA im März 2008 endete, war dennoch Schluss: Trotz Kritikerhymnen und eines enormen Medienechos war die Serie in den USA kein Massenphänomen. So zählte HBO beim Finale der vierten Staffel 1,9 Millionen, bei der fünften Staffel schalteten pro Episode eine Million Zuschauer ein. The Wire ist eben nichts für den schnellen TV-Konsum zwischen Kühlschranktür und dem nächsten Bier.

Ausstrahlung auf Fox Channel (über Sky Deutschland): 5. Staffel in deutscher Erstausstrahlung seit 11. Juni 2010, jeweils als Doppelfolge um 20.15 Uhr und 21.10 Uhr.

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