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Letzte "Daily Show" mit Jon Stewart:"Bis dann, du Idiot!"

Jon Stewart Comedy Central Daily Show

"Das war's", sagte Jon Stewart zum Abschied. Wir sagen: noch lange nicht.

(Foto: AP)

Mit seinem Abschied aus der "Daily Show" löst Jon Stewart schmerzliche Emotionen aus. Doch seine Fans dürfen hoffen: Der nächste Coup deutet sich an.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Okay, wenn einen sogar Darth Vader heimsucht, dann ist es wahrscheinlich keine schlechte Idee, seine Karriere zu beenden. Insofern tat Jon Stewart gut daran, sich aus der Daily Show zu verabschieden, selbst wenn US-Präsident Barack Obama höchstpersönlich diesen Rücktritt gern für illegal erklärt hätte.

Da stand er nun also, der Antagonist aus "Star Wars" und beschwerte sich bitter darüber, von Jon Stewart in der Daily Show andauernd mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney verglichen worden zu sein. Ein humorvoller Abschied von Stewart, gewiss - in seiner letzten Sendung (hier das Video in voller Länge) meldeten sich auch Hillary Clinton und John Kerry per Videobotschaft, John McCain verabschiedete sich mit einer Jon-Stewart-Puppe und einem nur bedingt als Scherz gemeinten: "Bis dann, du Idiot!" Allesamt politische Schwergewichte, doch zeigte gerade der Auftritt von Oberbösewicht Darth Vader, was dieser Jon Stewart in den vergangenen 16 Jahren erlebt haben muss.

Stewart wetterte ein letztes Mal

"Ich habe viele mächtige und einflussreiche Menschen getroffen", sagte der 52-Jährige kürzlich, als konservative Medien eine Begegnung mit Obama als konspiratives Geheimtreffen ausgelegt hatten: "Meistens begannen diese Gespräche mit der Frage, warum ich so ein Arschloch bin." Stewart hat viele Menschen verärgert mit dieser Sendung auf Comedy Central. Am Donnerstag wetterte er ein letztes Mal gegen die Wall Street, die Republikaner und homophobe Menschen mit einer Ode auf sein Lieblingswort Bullshit: "Den gibt es überall. Wenn ihr etwas riecht, dann sagt etwas!" Zugegeben, es war nicht der beste Monolog seiner Amtszeit, aber er verdeutlichte eindrucksvoll, wofür Stewart steht.

Er ist nur vordergründig ein Satiriker, der die Dummheiten der von politischer Ideologie durchtränkten Nachrichtensender persifliert und Heucheleien von Politikern entlarvt. Zu Satire und Ironie, zum Lustigmachen über die Welt, gehört jedoch auch immer kühle Distanz, was auch eine Flucht vor Haltung beinhaltet. Aber das lag Stewart fern. Er war keiner, der gegen Ruhm und Bezahlung Witze aus sicherer Entfernung machte. Er wirkte eher wie einer, der froh wäre, diese Sendung nicht moderieren zu müssen, wenn das hieße, dass die Welt in Ordnung wäre und sich also niemand über sie lustig machen müsste.

Die wahrlich großen Momente Stewarts fanden nicht unbedingt in der Show selbst statt - und es gab viele große Momente in der Daily Show, wie die Abschiedssendung noch einmal bewies -, sondern außerhalb des Studios in New York City. Wie er etwa den Moderatoren der politischen Debattenshow Crossfire, Tucker Carlson und Paul Begala, bei einem Besuch in deren Studio vorwarf: "Diese Sendung schadet den Vereinigten Staaten - hört auf damit." Und auf den Angriff von Carlson ("In deiner Sendung bist du lustiger!") trocken antwortete: "Und du bist in deiner Sendung genau so ein Arsch wie in jeder anderen Sendung." Oder wie er im Oktober 2010 gemeinsam mit seinem Kollegen Stephen Colbert zu einem Marsch nach Washington aufrief, um den gesunden Menschenverstand wiederherzustellen.

"Das war's"

Er ist ein Kümmerer, dieser Jon Stewart, der sich der gesellschaftlichen Relevanz seiner Sendung durchaus bewusst ist und tatsächlich die Welt oder wenigstens die USA verändern will - und der sich im Gegensatz zu vielen anderen Moderatoren tatsächlich für seine Gäste interessierte. "Er ist wahrscheinlich der Einzige, der tatsächlich jedes einzelne Buch seiner Gäste gelesen hat, bevor die auf die Bühne kommen", sagt Kollege Ed Helms: "Diese Neugier sorgte für eine akribische Vorbereitung und für einige spektakuläre und bedeutsame Interviews."

Freilich war die letzte Sendung ein absolut berechtigtes Loblied auf Stewart durch frühere und aktuelle Mitarbeiter. Und, anders als bei der Verabschiedung von Jay Leno oder David Letterman, lag in der kurzweiligen Sendung deutlich weniger Pathos. "Das war's", sagte er am Ende.

Aber die Welt ist noch nicht derart in Ordnung, dass Jon Stewart abtreten darf. Und die letzte Sendung beinhaltete Hoffnung für alle seine Fans. Stewart sagte nämlich: "Ein Künstler, den ich sehr bewundere, sagte mir einmal, dass ich meine Karriere als ein langes Gespräch betrachten solle. Dieses Gespräch ist noch nicht vorbei. Ich gehe nun einen trinken und komme dann wieder." Dazu passte der Twitter-Eintrag der Daily-Show-Produzentin Lizz Winstead: "Weil ich weiß, was ich weiß, bin ich außer mir vor Freude darüber, was er als Nächstes anstellen wird - für ihn und für uns."

Politiker, Firmenbosse und natürlich auch Darth Vader sollten sich darauf vorbereiten: Der gesunde Menschenverstand des amerikanischen Fernsehens geht noch lange nicht in Rente.

© SZ.de/cag
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