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Leser-Reporter fürs Gericht:Schau, Prozess!

Hobby-Justizberichterstatter von "Bild" gesucht: Das Boulevardblatt will Leser über Prozesse schreiben lassen.

Schon der Schriftzug ist seltsam. In der Anzeige der Bild-Zeitung, die das Boulevardblatt an diesem Mittwoch erstmals in der Berliner Morgenpost (ebenfalls Axel Springer Verlag) und der taz abdrucken ließ, stand bei Bild statt dem "i" ein Profil der Göttin Justitia, in der Hand ihre Waagschalen der Gerechtigkeit. "Bild dir dein Urteil!", lautet der neue Slogan. Nach den "Leser-Reportern" sucht die Zeitung nun "Hobby-Gerichtsreporter".

Interessenten sollen ein-, zweimal pro Woche im Gerichtssaal für das Blatt protokollieren. Ihre Ergebnisse schicken sie dann an Bild. Die Anforderungen sind relativ niedrig: "Juristische Grundkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig." Die "Reporter" müssten lediglich Stenografie oder eine andere Protokolltechnik beherrschen, heißt es. Es gibt auch ein eigenes E-Mail-Postfach: bilddirdeinurteil@bild.de. "Ein paar haben sich schon gemeldet", sagte Bild-Sprecher Tobias Fröhlich am Donnerstag.

Protest vom Anwalt

Hat Bild etwa zu wenig Reporter? Fröhlich lacht: "Natürlich nicht." Es sei der Versuch, das Projekt "Leser-Reporter", das im Blatt zum Teil durch schräge Fotos auffällt, auszuweiten. Selbiges habe Bild bereits mehr als tausend "Seitenaufmacher" beschert und funktioniere inzwischen "wie eine Agentur". Nun gehe es darum, auch auf interessante Fälle bei Gericht aufmerksam zu werden. Für den Anfang sollen die Hobby-Reporter nur in Berlin zum Einsatz kommen und Prozesse des Presserechts beobachten, sagt Fröhlich. Eine spätere Ausweitung auf andere Städte und Rechtsgebiete sei aber denkbar. Wen Bild ins Gericht schicke, der werde vorab von Chefredaktion und Rechtsabteilung in Vorstellungsgesprächen begutachtet. Und: "Selbstverständlich werden alle Fakten von unserer Redaktion geprüft."

Der bekannte Berliner Medienanwalt Christian Schertz sieht in dem eigenartigen Fokus der geplanten Hobby-Reporter auf das Presserecht einen Angriff - auf die eigene Zunft: "Springer verlegt sich nun offenbar darauf, neben den üblichen Rechtsmitteln gegen Entscheidungen, die Betroffenen-Anwälte zum Nachteil der Bild-Zeitung erwirkt haben, durch derlei Methoden die Anwälte zusätzlich einzuschüchtern."