Lena Meyer-LandrutEine für alle

Nie waren die Erwartungen beim "Eurovision Song Contest" höher: Lena Meyer-Landrut im Spiegel der deutschen Öffentlichkeit.

Nur mal so zu Erinnerung: Der "Eurovision Song Contest" (ESC), das war bisher nach weitgehend übereinstimmender Meinung eine der allerschlimmsten Trash-Veranstaltungen. Ein wirrer, paneuropäischer Wettstreit, bei dem zwischen als Monster verkleideten Schraddelrockern (Lordi: "Hard Rock Hallelujah") und übergewichtigen Damen, die auf lavarot gefärbten Bühnen die Arme gen Himmel reckten (Marija Šerifovic: "Molitva") nur gewinnen konnte, wer frei von Scham war. Deutschland, immer eifrig dabei, hat nur ein einziges Mal gewonnen, 1982, mit einem der schlimmsten Lieder der Wettbewerbsgeschichte (Nicole: "Ein bisschen Frieden"). Doch vorbei. Wenn es nach den heimischen Medien geht, wird 2010 alles anders - ach: grandios! "LML" (Lena Meyer-Landrut) da sind sich alle Experten einig, ist die beste Kandidatin aller Zeiten. Aber stimmt das? Zehn Expertisen, zehn Übersetzungen.

Die Expertise: "Sie gilt als wohlerzogene Tochter aus gutem Hause und damit als ideale Identifikationsfigur. (...) Ist hier eine neue Sehnsucht nach Bürgerlichkeit erkennbar?" (ttt - titel, thesen, temperamente)

Die Übersetzung: Endlich dürfen auch wir gebührenfinanzierten Fernsehfeuilletonisten mal zugeben, dass wir nicht nur das eigene, todernste Zeug zwischen Nachtstudio und Philosophischem Quartett gucken. DSDS-Menowin und all die anderen, nun ja, gewöhnlichen Castingshow-Gestalten waren ja nichts, wozu wir, als Zuschauer mit Abitur, uns bekennen konnten. Die waren vielleicht ganz unterhaltsam, aber bitte: viel zu prollig. Fragen Sie gar nicht erst, was aus einem jungen Menschen, der keine Vorstrafen hat und drei Sätze gradeaus sprechen kann, gleich eine Identifikationsfigur macht, zumal eine "bürgerliche".

Bild: dpa 29. Mai 2010, 11:502010-05-29 11:50:17 © sueddeutsche.de