Leitfaden für Berichte über Amokläufe Nie wieder Winnenden

Zahlreiche journalistische Beiträge über Winnenden empörten die Leser. Nun veröffentlicht der Presserat einen Leitfaden für Berichte über Amokläufe.

Von Marc Felix Serrao

Der Deutsche Presserat, die freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Presse, lässt sich Zeit bei der Arbeit. Werden Vorwürfe laut, etwa wegen Schleichwerbung oder Sensationsgier, dauert es meist Wochen bis zur Entscheidung. Erst wird eine Beschwerde "vorgeprüft". Dann, wenn sie nicht unbegründet ist, bittet der Rat das beschuldigte Blatt um Stellungnahme. Schließlich reagiert der Beschwerdeausschuss, im strengsten Fall mit einer öffentliche Rüge.

Im aktuellen Fall hat der Presserat noch länger gewartet als sonst. In dieser Woche hat er seinen ersten "Praxis-Leitfaden: Berichterstattung über Amokläufe - Empfehlungen für Redaktionen" vorgestellt - eineinhalb Jahre nach dem letzten schlimmen Vorfall dieser Art, der Tragödie von Winnenden, bei der 15 Menschen getötet wurden.

Die Berichterstattung hat damals viele Menschen verstört. Insgesamt gingen 90 Beschwerden beim Presserat ein. Zu brachial, zu rücksichtlos empfanden viele die Artikel vor allem der Boulevardpresse, die das Blutbad in der Albertville-Realschule zum Teil mit Comic-Lageplänen und fiktiven Illustrationen ausschmückte. Nun, 18 Monate nach Winnenden, hat der Presserat die diesbezüglich fraglichen Berichte gesammelt. Das Ergebnis ist ein nüchterner, in seiner Fülle bedrückender Überblick über journalistische Fehltritte.

Der erste Teil des 50-seitigen Leitfadens umfasst zahlreiche Beispiele von Beschwerden - inklusive der Entscheidungen des Presserats und Empfehlungen, wie es anders besser geht. Der zweite Teil dokumentiert die Befunde zweier "Expertenkommissionen", vor allem jener aus Baden-Württemberg, dem Bundesland, in dem sich die Tragödie von Winnenden ereignete. Als "Leitsatz" für Journalisten heißt es da: "Eine extensive, täterzentrierte und detaillierte Amokberichterstattung ist Katalysator für Nachahmungsphantasien und -absichten amokgeneigter junger Menschen."

Natürlich müsse über Amokläufe berichtet werden, sagt Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats. Es komme aber auf die Art und Weise an. Im Falle von Winnenden hätten viele Zeitungen persönliche Daten von Opfern veröffentlicht: "Ein klarer Verstoß gegen den Pressekodex", so Tillmanns. Das Thema beschäftigt ihn und den Presserat gerade wieder. Nach der Berichterstattung über die tödliche Massenpanik bei der Loveparade sind so viele Beschwerden eingegangen wie nie.

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