"Late Show"-Abschied von Letterman Der letzte Erwachsene geht

33 Jahre. 6024 Sendungen. 16 Emmy Awards. David Letterman, der große Unterhalter und unfreiwillig die Stimme einer Generation, macht Schluss - und Platz für Nachfolger Stephen Colbert.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt dieses meisterhafte Mienenspiel von David Letterman. Es ist ein Dreiklang der Gesichtsgymnastik, den er schon vor 20 Jahren in seiner Late-Night-Show vollführte, als Drew Barrymore auf seinen Schreibtisch stieg. Die Schauspielerin kreiste mit den Hüften, schob ihren Pullover hoch und hielt Letterman ihre blanken Brüste entgegen. Der begann mit einem genervten Knautschgesicht - die Botschaft: "Oh Mann, ich habe überhaupt keinen Bock darauf, was da gleich passieren wird." Es folgte eine Schockstarre mit ausgerenktem Unterkiefer und aufgerissenen Augen ("Ach du Scheiße, ist das gerade wirklich passiert?") und mündete in dieses verschmitzte Lausbuben-Lächeln: "Oh ja, das ist gerade wirklich passiert."

Er hat diese Kombination auch im Jahr 2013 verwendet, als sein geliebter Feind Jay Leno seinen Abschied von der Tonight Show verkündete - gefolgt von einem vierten, einem ratlosen Gesichtsausdruck. Was sollte er ohne seinen ewigen Gegenspieler nur anfangen? "So lange Jay noch dabei war, habe ich gedacht, dass ein älterer Mann im Anzug schon noch funktioniert", sagte er: "Aber dann hat er aufgehört und ich war plötzlich umringt von all den Jimmys." Diese Jimmys, das sind Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon. Zwei Lümmel, die mit den Hollywood-Stars feixen und rappen, die mit First Lady Michelle Obama die Evolution der Mama-Tänze nachstellen und deren Streiche von heulenden Kindern und panischen Erwachsenen sich im Internet verbreiten. "Ich kann nicht machen, was sie machen", sagt Letterman, 68.

Wer Letterman sehen wollte, der musste live dabei sein

Lenos Rückzug und der Blick auf die neuen Konkurrenten waren für Letterman die Indizien, dass diese neue Form der Spätabendunterhaltung nicht mehr die seine ist. Ach was, dass wahrscheinlich die ganze Welt nicht mehr die seine ist. Das Ablehnen neuer Kommunikationsformen und sozialer Netzwerke, all der Kulturpessimismus funktioniert nicht mehr wie früher. Am Mittwoch tritt Letterman, 15 Monate nach Lenos Abgang, zum letzten Mal als Moderator seiner Late-Night-Show auf.

Als er vor mehr als 33 Jahren als Gastgeber von Late Night with David Letterman begann, da mussten die Zuschauer bis weit nach Mitternacht wach bleiben, wenn sie sehen wollten, was sich dieser verrückte Typ hatte einfallen lassen. Er präsentierte doofe Tiertricks, er hüpfte in einem Anzug aus Brausetabletten in einen Wassertank und kleidete seinen coolen Zynismus in Top-Ten-Listen. Wer früher einschlief, der musste sich am nächsten Tag von Kollegen erzählen lassen, dass Cher ihn als Arschloch bezeichnet oder dass Madonna die wohl meisten Schimpfwörter in der Geschichte des frei empfangbaren US-Fernsehens verwendet hatte. Es gab kein Youtube-Archiv, keine DVD-Rekorder. Wer Letterman sehen wollte, musste live dabei sein.

Das Duell um die Einschaltquoten verlor er nach ein paar siegreichen Jahren regelmäßig gegen seinen ehrgeizigen Erzfeind Leno. Letterman reagierte darauf wie auf Beleidigungen seiner Gäste: mit freundlicher Ignoranz. Er konnte sich das leisten, galt er doch als der begnadetere Komiker, der reservierte Rebell, der auf den Mainstream pfiff, weil ihm die Relevanz gewiss war, die Leno mit seinen braven Witzen nie erreichte. Mit kühler Distanz machte er sich über die Welt lustig und beeinflusste damit auch das Fernsehen hierzulande, weil Harald Schmidt diese Ironie kopierte und nach Deutschland importierte.

Es ist nicht überliefert, wann Letterman erwachsen geworden ist. Es könnte 1992 gewesen sein, als NBC nicht ihn zum Nachfolger seines Mentors Johnny Carson bei der Tonight Show machte, sondern Leno - und er deshalb zu CBS wechselte und die Late Show etablierte. Oder 1995, als seine Witze als Gastgeber der Oscars überhaupt nicht zündeten. Es könnte 2001 gewesen sein, als er sechs Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center von New York eine bewegende Rede an die Nation hielt. Oder zwei Jahre später, als er mit 56 Jahren zum ersten Mal Vater wurde und Stars nun nicht mehr mit freundlichem Desinteresse begegnete, sondern Empathie zeigte und mit Jerry Seinfeld und Mike Myers über deren Kinder sprach.

"Historisch wird es sicher nicht", sagt Letterman übers Finale

Vielleicht war es auch 2009, als er in der Show mehrere Affären mit Angestellten gestand. Das Publikum lachte zunächst, es wartete auf die Pointe, doch Letterman blieb ernst. Er beschrieb den Erpressungsversuch gegen ihn und sagte: "Ich hatte Sex mit Frauen, die für mich an der Show arbeiten." Erst als er sich selbst als "schmierig" bezeichnete, wurde es ruhig im Saal. Der Zurückhaltende, die Mensch gewordene Ablehnung von Popkultur und Stargehabe, hatte sich benommen wie ein juveniler Rockstar mit Samenkoller - ging damit aber um wie ein Erwachsener.

33 Jahre. Insgesamt 6024 Sendungen. 19 932 Gäste. 16 Emmy Awards. Kurz vor Lettermans erster Sendung startete der Musiksender MTV, der später die fluchenden Rotzlöffeln Beavis und Butthead zeigte. Es startete auch der Sender Comedy Central, auf dem dann Jon Stewart eine neue Form der Ironie mit politischem Gewicht entwickelte und wo Stephen Colbert berühmt wurde, der im September Lettermans Nachfolger bei der Late Show werden wird.

Guten Morgen statt gute Nacht

Fallon für Leno, Colbert für Letterman und von Sonntag an noch John Oliver - diese Personalwechsel stehen für einen Wandel der amerikanischen Late-Night-Shows. Sie wollen nicht mehr nur einen Abend lang unterhalten, sondern noch am nächsten Tag Gesprächsstoff sein. Von Jürgen Schmieder mehr...

Dort gab es auch die bitterböse Satire South Park und The Man Show mit Jimmy Kimmel, an deren Ende leicht bekleidete Frauen auf Trampolinen hüpften. Ja, einer dieser Jimmys, die genau wissen, wie heutzutage Aufmerksamkeit erzeugt wird und dass immer weniger Menschen wach bleiben, sondern am nächsten Morgen im Internet gucken - vorausgesetzt, es gibt etwas Aufregendes zu sehen.

Lettermans Auftritte waren stets selbstreferenziell und selbstironisch, über niemanden in der Unterhaltungsindustrie machte er mehr Witze als über sich. Er war unfreiwillig die Stimme einer Generation, die jünger war als er und die man als "verloren" oder "Generation X" bezeichnet. Er wunderte sich immer ein bisschen darüber, dass tatsächlich jemand diesen Blödsinn sehen will, den er da sendet. Kaum jemand hat die reinigende Kraft des Nonsens und des Über-sich-selbst-Lachens so verstanden wie Letterman.

"Historisch wird es sicher nicht", sagte er kürzlich der New York Times über die letzte Folge: "Danach werden die Menschen sagen: 'Also dann. Wann startet der Neue?'" Das ist David Letterman. Sein letzter Gast war am Dienstag Bill Murray, einst der erste Gast von Late Night und der erste Gast der Late Show. Am Mittwoch dann wird Letterman zum letzten Mal für dieses meisterhafte Mienenspiel sorgen, an dessen Ende in seinen Augenwinkeln zu lesen ist: Oh ja, das alles ist wirklich passiert.