Late-Night-Talker Jay Leno:König der Hunde

Lesezeit: 7 min

Amerikas populärster Talkmaster Jay Leno zurück

Jay Leno, erfolgreichster Late-Night-Talker der USA

(Foto: dpa)

Jay Leno ist mit seiner "Tonight Show" der erfolgreichste Late-Night-Talker der USA. Bald hört er auf. Wer erleben will, wie brillant der Komiker wirklich ist, muss an einem Sonntagabend in einen Club in Hermosa Beach kommen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Das Publikum im Comedy & Magic Club ist nicht begeistert, für einen kurzen Augenblick ist es so still, dass man die Wellen des Pazifischen Ozeans hören kann. So ein Moment ist schrecklich für einen Komiker, der gerade einen Witz erzählt hat, den die Zuschauer ganz einfach nicht lustig finden. Der Mann auf der Bühne hat zerzauste graue Haare, die rote Krawatte hängt locker um seinen Hals, die oberen beiden Knöpfe des weißen Hemdes sind offen. Er sieht über seine Lesebrille hinweg ins Publikum, dann schüttelt er den Kopf und sagt mit heiserer Stimme: "Was für ein blöder Witz!"

Der Mann auf der Bühne ist James Douglas Muir Leno, besser bekannt als Jay Leno. Der 63-Jährige ist einer der prominentesten Komiker der Welt und Moderator der Tonight Show, einer Sendung, die seit 1954 auf dem Kanal NBC läuft und die er 1992 von Johnny Carson übernommen hat. 3,4 Millionen Amerikaner schalten werktags um 23.34 Uhr ein, damit ist Leno der erfolgreichste Late-Night-Talker des Landes. Trotzdem will er im nächsten Jahr mit der Tonight Show aufhören.

Wer wissen will, wie gut dieser Jay Leno wirklich ist, wie er tickt, warum er so erfolgreich ist, der muss an einem Sonntagabend in diesen Club kommen. Den gibt es seit 35 Jahren, zum ersten Mal stand Leno einen Monat nach Eröffnung auf der Bühne, seit Ende der 1980er-Jahre kommt er fast jeden Sonntag aus Beverly Hills nach Hermosa Beach. "Hier sitzt ein Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung", sagt Leno, "in Hollywood kommen meist Leute aus dem Showbusiness, hier in Hermosa wollen ganz normale Menschen eine Comedyshow sehen." An der Wand hängt die Uniform von Kevin James aus King of Queens, daneben steht der Robin-Williams-Roboter aus Der 200 Jahre Mann, weiter sieht man die überdimensionierten Klamotten von Eddie Murphy aus Der verrückte Professor. Jeder Gast hat 30 Dollar Eintritt bezahlt und sich verpflichtet, mindestens zwei Sachen von der Karte zu bestellen. Ein Bier kostet sieben Dollar, ein T-Bone-Steak gibt es für 21 Dollar.

Wider die Comedy-Megalomania

Die Bühne ist keine vier Meter breit, die 250 Zuschauer sitzen jeweils zu sechst an Tischen. Sie trinken Bier oder Wein oder einen CMC Whiskey Sour. Irgendwann kommt einer auf die Bühne, erzählt ein paar Witze und kündigt dann recht unspektakulär den nächsten Komiker an. Er gibt ihm das Mikrofon, dann geht es weiter. Es ist die Antithese zur deutschen Comedy-Megalomania, in der Komiker Stadien füllen, um einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde zu bekommen.

Jay Leno ist wie immer der letzte Komiker des Abends, die unbehaglichen Momente gehören zum Programm: "Hier kann ich neues Material ausprobieren und sehen, was funktioniert und was nicht." Am Ende der 60 Minuten dauernden Vorstellung setzt er eine Lesebrille auf, zückt einen Packen Notizzettel und liest 20 Witze vor, die er gerne in der Tonight Show vortragen würde: "Man kann das nicht vor einem Spiegel üben, man braucht die Reaktion des Publikums. Es ist eine Trainingseinheit - da muss man durch." Also erleben, dass Witze nicht ankommen. An diesem Abend sind es mehr als die Hälfte, bei denen kaum jemand lacht.

Ein paar Dinge fallen einem Besucher schon auf, bevor Leno die Witze-Spickzettel in die Hand nimmt: Der Mann ist ein lebendes Lexikon der Aktualität. Wer tagsüber Skandalfotos eines Promis gesehen, einen Text über den Bürgermeister von San Diego gelesen oder von den süßen Tierbabys in einem Zoo in Kentucky gehört hat: Leno hat das auch. Er ist überaus schlagfertig, reagiert andauernd auf die Reaktionen des Publikums. "Ein Sportler kann auch nicht nur bei Spielen auf dem Feld stehen", sagt er, "er muss jeden Tag trainieren, nur so ist er fit für Auftritte." Wer gewohnt sei, dass die Menschen Bier verschütten, nicht lachen oder aufs Klo gehen, der lerne langsam, diese Elemente ins Programm einzubauen. Und: Leno ist einfach nur komisch.

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