Late Night Show John Oliver zerpflückt Argumente der Brexit-Befürworter

Der Late-Night-Talker arbeitet sich genüsslich an falschen Zahlen und Werbefilmchen der "Leave"-Kampagne ab - um dann eine Alternative vorzuschlagen.

Von Julian Dörr

Es beginnt mit einem flachen Witzchen. Am Donnerstag gebe es in Großbritannien eine wichtige Abstimmung, sagt John Oliver, Exil-Brite und Moderator der US-Show Last Week Tonight auf dem Pay-TV-Sender HBO. Genauer, ein "in/out referendum". Eine Abstimmung über rein oder raus. War da nicht was? So nennen die Briten doch Sex, wie der Komiker weiß. John Oliver wäre aber nicht einer der beliebtesten Besserwisser und Viral-Video-Produzenten der Welt, würde er sich nicht von diesem flachen Witzchen zu einem satirischen Höhenflug steigern.

In wenigen Tagen stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land Teil der Europäischen Union bleiben soll. Höchste Zeit also für John Oliver, sich einmal ausführlich diesem Thema zu widmen. Was bei dem Late-Night-Host so viel heißt wie: sein Publikum mit einer bitterbösen Mischung aus Satire und Journalismus davon zu überzeugen, was für eine absolut dumme Idee ein EU-Austritt wäre.

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Und so legt John Oliver los. Er deckt auf, dass Austrittsbefürworter Boris Johnson mit falschen Zahlen argumentiert und entlarvt die Übertreibungen eines Werbefilms, der mit falschen EU-Vorschriften Stimmung für den Brexit macht. Eine Viertelstunde lang zieht er über alles her, was dem scharfen Blick seiner Redaktion nicht standhält. Unterhaltung nach John Oliver besteht ja zu gleichen Teilen aus Spaß und Informationen. Was den Moderator und seine millionenfach geklickten Videos so einflussreich macht.

Ein Song als harmloses Ventil für britischen Europahass

John Oliver kämpft in seiner Sendung vehement gegen den Brexit - auch weil sich seiner Meinung nach die Situation im Land nicht verändern würde. "It's not a brexit, it's a bratus quo." Und doch kann er auch diejenigen seiner Landsleute verstehen, die für einen Austritt stimmen möchten. Es sei eben ein angeborenes britischen Verlangen, "to tell Europe to go fuck itself." Nur bitte sollen die Briten diese Leidenschaft nicht bei der Abstimmung am kommenden Donnerstag ausleben. Um das zu verhindern, präsentiert John Oliver in seiner Show eine alternative Lösung, ein harmloses Ventil für britischen Europahass: ein Song, der jedem Briten aus dem Herzen spricht, ein Song, der Europa sowohl schonungslos beleidigt als auch still und leise anerkennt, wie verloren Großbritannien ohne die EU ist.

Zur Melodie der europäischen Hymne schmettert ein kleiner Junge in Union-Jack-Weste und roter Fliege folgende Zeilen: "Fuck you European Union, tally-ho you fucking pricks." Leck mich, EU, du verdammter Scheißkerl. Dann tritt ein Barbershop-Quartett hinzu und beleidigt mit großer Freude am Detail noch ein paar europäische Länder.

John Oliver ist nicht der einzige prominente Brite, der sich in diesen Tagen mit Leidenschaft für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausspricht. Bestseller-Autorin J. K. Rowling veröffentlichte auf ihrer Webseite einen offenen Brief an ihre Mitbürger. Die EU sei sicherlich nicht perfekt, schreibt sie da, aber welche Verbindung - ob zwischenmenschlich oder politisch - sei das schon? Großbritannien verdanke Europa sehr viel. Oder um es mit den finalen Worten von John Olivers Barbershop-Quartett zu sagen: "We would all be batshit crazy if we vote for leaving it." Wir wären doch vollends verrückt, wenn wir für den Austritt stimmen würden.