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Fernsehen ohne Publikum:"Wie Sie vielleicht merken, ist niemand von Ihnen hier"

Gastgeber von US-Shows wie Stephen Colbert (von oben links im Uhrzeigersinn), Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Trevor Noah senden jetzt von daheim - auch aus der Badewanne.

(Foto: Screenshots: Youtube)

Das Lachen ist weg: Die US-Late-Night-Shows von Stephen Colbert, John Oliver oder Seth Meyers müssen in Corona-Zeiten ohne Publikum auskommen - und entwickeln einen sehr besonderen Zauber.

Das Lachen war schon weg, bevor die Witze es waren. Am Ende der vergangenen Woche, als das öffentliche Leben auch in den USA nach und nach herunterfuhr, klang es, als gäbe es keine gelingenden Scherze mehr in den amerikanischen Late-Night-Shows. Die Pointen kamen, aber danach gab es nur Stille.

Mit Glück waren zwei vereinzelte Lacher aus verschiedenen Ecken des Studios zu hören und vielleicht drei, vier Paar klatschende Hände. Woran das lag? Die Late Show mit Stephen Colbert, Last Week Tonight mit John Oliver und Late Night mit Seth Meyers fanden allesamt ohne Publikum statt, bevor sie wegen des Coronavirus vorläufig ganz aussetzten. Seit Montag stellen die Late-Night-Gastgeber stattdessen Videos von zu Hause ins Netz. Aus dem Kinderzimmer, der Badewanne, von der Terrasse. Auch dort gibt es keine Zuschauer, die lachen könnten.

Was für eine Irritation es für Komiker bedeutet, keine Reaktion aus dem Publikum zu bekommen, versteht man, wenn man sich klarmacht, dass in den USA die klassische Karriere zur eigenen Late-Night-Show über den Stand-up in kleinen Clubs oder Bars führt. Also relativ kurze, spontan wirkende Auftritte, die in Wahrheit aber um eine Reihe ausgefeilter Witze herum konstruiert sind und bei denen möglichst alles sitzen muss.

Vom Gesichtsausdruck über die Pausen bis zum Heben und Senken der Stimme. Wer das Publikum nicht zum Lachen bringt, verliert. Wer gut ist, spürt, wie der Saal tickt, greift Reaktionen auf und macht auch aus dem Misslingen von Pointen noch einen Witz. Die Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Maisel über eine weibliche Comedian im New York der späten Fünfzigerjahre zeigt, wie hart das sein kann, Talent hin oder her.

Stephen Colbert, der seit der Wahl Trumps zum Präsidenten der erfolgreichste Late-Night-Mann ist, zeichnete letzten Donnerstag einfach gleich die Probe statt der Show am Abend auf. Beim Kameraschwenk in den Saal sah man versprengt etwa zwanzig Mitarbeiter in den Sesseln sitzen. Viele von ihnen werden die Witze mitgeschrieben haben, über die sie gleich lachen würden. "Wie Sie vielleicht merken, ist niemand von Ihnen hier", sagte Colbert in die Kamera und stellte seine Unbehaglichkeit angesichts der leeren Ränge sehr bewusst aus: zuppelte am Jackett, atmete laut hörbar, machte Pausen, wo er sonst keine braucht. Dabei, sagte er gleich zu Beginn, habe die Publikumslosigkeit ja auch etwas Gutes: "In meinem Kopf sind alle meine Witze perfekt. Nur das Publikum sieht das manchmal anders." Während der dreizehn Minuten seines Monologs trank er gut sichtbar drei Schlucke aus einem Glas Bourbon, sein übliches Verzweiflungsaccessoire, das er unter dem Tisch deponiert hatte: "Das läuft doch ziemlich gut!"

Bei Seth Meyers sah das schon anders aus. Er saß nicht wie sonst im Anzug, sondern im hochgekrempelten Hemd an seinem Tisch und ähte sich in sein tagesthematisches Segment "A Closer Look". Als es mal einen Lacher gab, der von irgendwo oben rechts zu kommen schien, bedankte er sich mit Kusshand. Und John Oliver konnte seine Show Last Week Tonight nicht mal im eigenen Studio drehen, weil Mitarbeiter im CBS-Broadcast-Gebäude sich mit Corona infiziert hatten. Das ganze Haus war gesperrt. Die verkürzte Ausgabe seiner Sendung drehte er vor einem simplen weißen Hintergrund, der aussah "wie der Ort, an dem Filmfiguren landen, wenn sie sterben".

Und doch: Gerade durch die Merkwürdigkeit der einsamen Performance entstand aus dieser für Komiker normalerweise tödlichen Situation eine sympathische Intimität. Bei Seth Meyers wurde der Kollege eingeblendet, der die Textkarten hält und zum Teil einer Pointe gemacht. Stephen Colbert bezog seine Produzenten mit ein und diskutierte, ob er jetzt nicht langsam genug Material für den Abend einmonologisiert habe: "Vierzehn Minuten haben wir doch jetzt wohl zusammen!" In Ermangelung des Publikums zeigten sich die Sendungsmacher eben selbst.

Dass das die Lösung wäre, dachten sie sich dann wohl auch selbst. Seinen nächsten Monolog drehte Stephen Colbert bei sich zu Hause in der Badewanne, Dienstagabend war er im Garten an der Feuerschale zu sehen und schaltete rüber zu seinem Bandleader Jon Batiste, der am heimischen Klavier ein paar Minuten lang Aufmunterndes spielte.

Trevor Noah war beim Putzen gegen die Viren zu sehen. Und Jimmy Fallon machte eine sehr charmant selbstgebastelte kurze Sendung aus dem Spielzimmer seiner Tochter.

© SZ vom 19.03.2020/luch
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