"Late Night Berlin" mit Klaas Heufer-Umlauf Late Night muss nicht politisch sein - aber witzig

"Ist der Ronaldo nett?" Toni Kroos als WM-Experte bei Late Night Berlin ist spektakulär, aber inhaltlich ganz schön irrelevant.

(Foto: ProSieben/Florida TV)
  • Seit knapp drei Monaten läuft Late Night Berlin mit Klaas Heufer-Umlauf auf Pro Sieben - eine große Außenwirkung konnte die Sendung bislang nicht erzielen.
  • Klaas' Aktionen sind nicht spektakulär. Und wenn sie spektakulär sind, dann sind sie inhaltsleer.
  • Late Night Berlin hat sich in seinen ersten Episoden mehr und mehr in eine Werbesendung aus dem erweiterten Pro-Sieben-Umfeld verwandelt.
Von Julian Dörr

Man kann und muss gutes Fernsehen heute auch daran messen, wie weit es aus dem Fernsehen herauswächst. Eine gute TV-Show ist dann gut, wenn sie nicht nur im TV stattfindet. Wenn sie präsent ist bei Facebook und Twitter, in den Newsfeeds und Timelines ihrer Zielgruppe. Wenn die Menschen im Büro über den einen Ausschnitt, den einen Clip diskutieren, der gerade der heiße Scheiß in den sozialen Medien ist. Damit zur (gemeinen) Frage, auf die diese Vorrede zusteuert: Sieht und hört man eigentlich irgendwas von Late Night Berlin, der neuen Show von Klaas Heufer-Umlauf? Jedenfalls, wenn man nicht vergessen hat, am späten Montagabend nach The Big Bang Theory das TV-Gerät auszuschalten?

Vor knapp drei Monaten hat Heufer-Umlauf auf Pro Sieben seine Late-Night-Show gestartet. Die Kritiken zur ersten Ausgabe fielen - auch bei der SZ - verhalten aus. Aber was sagt eine einzige Folge? Muss man Heufer-Umlauf nicht ein bisschen Zeit geben? Zeit, um in diesem seit Harald Schmidt mit monströsen Erwartungen beladenen Genre klarzukommen?

Man will das ja wirklich gut finden, schon weil Heufer-Umlauf ein kluger Typ ist

Deshalb also eine Bilanz der ersten beiden Monate. Und eines gleich mal vorab: Man will das ja wirklich gut finden. Zum einen weil man diesem Land und diesem Fernsehen so sehnlichst eine gute Unterhaltung wünscht. Ein Late-Night-Format, das einen an die Hand nimmt und intelligent und witzig durch die Ereignisse der Woche führt. Zum anderen, weil Klaas Heufer-Umlauf ein grundsympathischer, kluger Typ ist. Der sich mit Witz, Verstand und einer gehörigen Portion Grandezza vom Dödel-Duo Joko & Klaas emanzipiert hat. Man will also, dass Heufer-Umlauf gelingt, woran er sich so redlich abmüht. Nur: Richtig in die Gänge kommt Late Night Berlin auch nach zehn Folgen nicht.

Das Sakko ist ihm noch zu groß

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Das fängt damit an, dass die Show keinen Erzählstoff für die Mittagspausen der Republik (oder wenigstens der Mensa) bietet. Jan Böhmermann schafft mit Aktionen wie dem verfassungstreuen Gangster-Rap von "Polizistensohn" und der Bürgerrechtsbewegung "Reconquista Internet" immer wieder genau das - den Sprung aus der nächtlichen Nische. Böhmermann ist gerade der Leitwolf der jungen, deutschen Fernsehunterhaltung, er setzt die Agenda. Nach dem neuen Video von Heufer-Umlauf fragt da keiner. Seine Aktionen sind nicht spektakulär. Und wenn sie spektakulär sind, dann sind sie inhaltsleer.

Zur Fußball-WM hat der Moderator eine neue Rubrik eingeführt. Sie heißt: "Road to Russia". Wer da einen beißenden Kommentar zu den Zuständen in Russland, zu Moral und Ethik in dieser geldverseuchten Show-Blase vermutet, wird enttäuscht. Denn jede Woche interviewt Heufer-Umlauf Nationalspieler Toni Kroos. "Ist der Ronaldo nett?", "Wie sind die Regeln dieses Jahr?", und so weiter. Fußballnull stellt Fußballprofi dumme Fragen. Die Verpflichtung von Champions-League-Sieger Toni Kroos? Spektakulär. Der Inhalt? Harmlos. Und ganz schön irrelevant.

In seinem Stand-up-Teil ist Heufer-Umlauf näher dran am Weltgeschehen. Macron bei Trump, Lagerfeld lästert über Merkel. Dazu gibt es dezent politische Gags: "Wenn einer über Flüchtlinge redet, dessen größtes Problem seit Jahren die Haute-Couture-Schauen in Paris sind - der hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Von einem politischen Geist wie Heufer-Umlauf hätte man mehr erwartet. Nun muss Late Night nicht zwangsläufig politisch sein. Harald Schmidts einzige Haltung war, dass er keine Haltung kannte, außer Zynismus. Und Jimmy Fallon zerwuschelt im US-Fernsehen zwar die Haare von Donald Trump, sein Alleinstellungsmerkmal aber sind irrwitzige musikalische Einlagen mit prominenten Gästen. Was zu der Feststellung führt: Wenn eine Late-Night-Show nicht politisch ist, dann muss sie witzig sein. Richtig, richtig witzig. Das schafft Late Night Berlin aber nicht.

Bei den alten Shows von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt funktionierte das mit dem Witz folgendermaßen: Fremdscham war das wichtigste Element von Circus Halligalli oder Neo Paradise. Der Humor von Joko und Klaas nährte sich aus der öffentlichen Selbstzerfleischung der beiden, aus der Demütigung voreinander und vor dem Publikum. Das ist bei Late Night Berlin anders. Der butt of the joke, der Hintern des Witzes, wie man die Zielscheibe des Spottes im Englischen so herrlich nennt, ist hier meist nicht der Moderator.

Inzwischen kommen immer öfter Gäste, die im Pro-Sieben-Umfeld etwas zu bewerben haben

Das zeigt sich vor allem in den Straßenumfragen, für die Sidekick Jakob Lundt zuständig ist. Umfragen, die fremde Menschen auf der Straße vorführen, macht auch US-Talker Kimmel gerne. So lässt er zum Beispiel Passanten fragen, ob sie wissen, wo Nordkorea liegt. Oder ob sie in der vergangenen Nacht Sex hatten. Nach der Frage pausiert der Einspieler, und Kimmel lässt sein Studiopublikum über die Antwort abstimmen. Aus einer peinlichen Situation wird ein Spiel. Die Straßenumfragen bei Late Night Berlin sind dagegen Demütigungen zum Zweck der Demütigung. Jakob Lundt überrascht Menschen mit einem Gewinn, der keiner ist.

Dabei schien nach der ersten, etwas hüftsteifen Folge alles gut anzulaufen. Selbstironisch bewertete Heufer-Umlauf seine eigene Performance und feuerte elegant gegen Böhmermann, der bei der Premiere von Late Night Berlin einen Werbeblock kaperte: "Für 30 Sekunden Aufmerksamkeit einen guten Freund so über die Klinge springen zu lassen." Auch die Auswahl der Gäste war überraschend. Auf Anne Will folgte Heike Makatsch. Mit ihnen führte Heufer-Umlauf das, woran der späte Harald Schmidt immer gescheitert war: spannende, offene Gespräche.

Nach ein paar Folgen fällt jedoch auf: Bei Heufer-Umlauf nehmen immer öfter die üblichen Verdächtigen auf dem Sofa Platz: Bjarne Mädel (neuer Film), Sasha (neues Album), Smudo und Michi Beck (neues Album und Voice-Juroren), Christian Ulmen und Fahri Yardim (neue Serie beim selben Sender). Late Night Berlin hat sich in seinen ersten Episoden mehr und mehr in eine Werbesendung aus dem erweiterten Pro-Sieben-Umfeld verwandelt. Vorige Woche hatte Heufer-Umlauf seinen bisherigen Quotentiefpunkt. Zu Gast war Iain Armitage, Hauptdarsteller aus dem Big-Bang-Spin-off Young Sheldon. Pro Sieben schnürte daraus ein Paket und umrahmte Late Night Berlin mit Folgen der neuen Serie.

Bei TV Total blendete Stefan Raab einst den Hinweis "Dauerfernsehsendung" ein, um sich über den Vorwurf, er würde bei seiner Wok WM eine Werbeveranstaltung produzieren, lustig zu machen. Über den Witz kann man heute nicht mehr lachen.

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