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Nachruf auf Larry King:Nationalheiligtum mit Hosenträgern

Larry King is seen during the final broadcast of Larry King Live at the Los Angeles studio

Larry King bei seiner Abschiedsshow im Dezember 2010.

(Foto: HO/Reuters)

Mit seiner Talkshow hat Larry King dem Nachrichtensender CNN die menschliche Note gegeben. Und alle, wirklich alle, haben an seinem Tisch Platz genommen.

Von Willi Winkler

Doch, das war er wirklich - das großformatige Hemd, die noch größeren Hosenträger, die eckige Omabrille: Larry King, wie er leibt und lebt, war das, aber war er außerhalb des Fernsehens überhaupt lebensfähig? Im Zug zwischen New York und Boston stand er auf dem Gang wie eine Erscheinung zwischen den Geschäftsreisenden, abweisend und schüchtern zugleich, auf irgendeine magische Weise aus dem Kasten entlassen, der ihn am Abend wieder einfangen würde, damit er mit einem Quarterback oder einer berühmten Schauspielerin öffentliche Zwiesprache halten könnte.

25 Jahre lang, von 1985 bis 2010, erschien er allabendlich bei CNN, eulenhaft unsexy, emotionslos und doch von dem Ehrgeiz besessen, alle, wirklich alle zu sich, zu Larry King Live zu holen. Angeblich hat er in seinem Leben mehr als fünfzigtausend Interviews mit hoch und nieder geführt, mit allen Stars von Mick Jagger bis Lady Gaga, mit allen US-Präsidenten seit Richard Nixon. Jassir Arafat, Nelson Mandela oder Mahmud Ahmadinedschad durften wie fremde Tiere bestaunt werden; Wladimir Putin kam sogar zwei Mal.

Kaum hatte er zum dritten Mal geheiratet, erschien Donald Trump mit seiner Frau Melania bei seinem Freund King, um die frohe Kunde in die weitere Welt hinaustragen zu lassen. Trump durfte bei ihm bereits 1990 eine Probe seiner barocken Übertreibungskunst ablegen. Alles sei doch bestens in seinem defizitären Casino Taj Mahal in Atlantic City, log Trump frech, die Spielautomaten seien vom Andrang sogar heiß gelaufen. "Manche Automaten brannten buchstäblich. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen."

Oprah Winfreys männliches Äquivalent

Bei anderer Gelegenheit lobte er King: "Wahrscheinlich hat niemand soviel Live-Fernsehen gemacht wie du", was ausnahmsweise nicht gelogen war. Der Sender CNN war sonst um größte Nüchternheit bemüht, brachte Bürgerkrieg und Krise aus aller Welt, Börsenkurse, Firmenpleiten, die täglichen Katastrophennachrichten. Larry King aber brachte Leben in dieses trostlose Programm, Gefühle, das sogenannte Menschliche. Besonders gern hatte er Angehörige zu Gast, die nach einem schrecklichen Unglück nicht nur auf sein Mitgefühl hoffen, sondern bei ihm öffentlich um einen Vater, eine Tochter trauern konnten. So wurde er auf seine unsentimentale Art das männliche Äquivalent von Oprah Winfrey. Ihre potenzierte Macht wurde offenbar, als sie 2006 in Kings Sendung kam, und sich für Barack Obama als Präsidentschaftskandidaten der Demokraten aussprach; nach Meinung von Fachleuten hat sie ihm damit die Präsidentschaft gesichert.

Larry King verkörperte noch einmal den amerikanischen Traum, den es sonst allenfalls als Behauptung gibt. 1933 war er als Lawrence Zeiger in Brooklyn zur Welt gekommen, Kind orthodoxer Juden, die eben erst aus Osteuropa eingewandert waren. Die Schule interessierte ihn nicht besonders, dafür faszinierte ihn wie den fast gleichaltrigen Woody Allen das Radio. Er ging nach Florida und lungerte so lange in Miami bei dem kleinen Sender WAHR herum, bis man ihn zum Aufräumen engagierte. Als ein Disc-Jockey plötzlich kündigte, sprang King für ihn ein. Das war 1957, er war 23, und von da an war er bis fast zu seinem letzten Atemzug auf Sendung.

Harte Fragen waren von ihm nicht zu erwarten

Mit seiner Dauerpräsenz erst im Radio und schließlich im Fernsehen wurde King bekannter als Johnny Carson oder Walter Cronkite. Das hatte viel mit seinem eigenwilligen Verständnis des Handwerks zu tun: Er bereitete sich kaum auf seine Gäste vor, weil er, immer der Anwalt des Publikums, auf dem Stand seiner Zuschauer anfangen und wie sie unterhalten sein wollte. Peinlich war es dennoch, wenn seine demonstrative Nonchalance schlichte Ignoranz verbarg, wenn er den Dalai Lama für einen Moslem hielt oder Ringo Starr mit George Harrison verwechselte. (Hatten doch damals alle diese langen Haare!)

Die Stars kamen bereitwillig, harte Fragen waren nicht zu erwarten, dafür das eifrige Lob für den neuen Film, das neue Buch, die neue Sendung. Wie ein Herbergsvater nahm Larry King alle in seiner Sendung auf, drückte die Mühseligen und Beladenen ebenso an die Brust wie die Schönheitsoperierten, die Geschiedenen, die Opfer. Mit Widerspruch musste niemand rechnen, Larry King bot jedem ein Forum.

Deutsche Politiker können von solchen Bedingungen nur träumen. Manchmal kam es dabei zu den absurdesten Szenen. Kaum war O. J. Simpson vom Vorwurf, seine Frau und deren Freund umgebracht zu haben, freigesprochen, rief er in Kings Show an und durfte erzählen, wie schön es sei, wieder bei seinen Kindern zu sein. Sein Anwalt saß dem Moderator im Studio gegenüber und bebte erkennbar vor Angst, dass sein Mandant doch noch etwas sagen könnte, was die Zweifel an seiner Unschuld bestätigen würde.

Als nach fast 19 Jahren im Todestrakt und viermaligem Aufschub der verurteilte Mörder Shaka Sankofa die tödliche Spritze erhalten sollte, verabschiedete Larry King seine Zuschauer mit der dringenden Bitte in die Werbeunterbrechung: "Die Hinrichtung kommt noch in dieser Sendung - bleiben Sie dran!"

In der Abschiedssendung von "Larry King Live" erschienen im Dezember 2010 Bill Clinton und Barack Obama

Nur selten geriet King an jemanden, der das Geplänkel nicht mitmachte. Als er Jerry Seinfeld fragte, ob ihm seine Sendung womöglich abgedreht worden sei, gab der sichtbar empört zurück: "Weißt du überhaupt, wer ich bin?" und verwies auf die 75 Millionen Zuschauer, die "Seinfeld" beim Abschied hatte. Das kam nicht gut an, für die Fans wirkte das arrogant. Souverän leitete King zu dem Film über, den zu bewerben Seinfeld ins Studio gekommen war.

In der letzten Ausgabe von Larry King Live im Dezember 2010 erschienen nicht nur die Fernsehkolleginnen Barbara Walters und Diane Sawyer, sondern als Überraschungsgäste auch Bill Clinton und Barack Obama. Kings Zuschauerzahlen waren bereits stark zurückgegangen, doch diese letzte Sendung sahen noch einmal mehr als zwei Millionen Menschen. Obwohl er da schon 76 war, hatte King nur höchst unwillig seinem Nachfolger Piers Morgan Platz gemacht. Schadenfreude war ihm nicht ganz fremd, als der seinerseits bereits nach drei Jahren aufgeben musste.

King wollte sich danach angeblich mehr seiner Familie widmen, womöglich sogar Bücher lesen, aber er litt unter heftigen Entzugserscheinungen und blieb mit seiner Ora TV, zuletzt unter dem Schirm von Hulu und Russia Today, weiter im Geschäft, machte Werbung, kommentierte Dodgers-Spiele und twitterte hemmungslos, auch wenn er seine Tweets seiner 26 Jahre jüngeren Frau Shawn Southwick diktieren musste, damit die sie in ein iPhone eintippte.

Larry King hatte mehrere Herzoperationen überstanden, hatte seinen Bankrott erklären müssen, war neuerlich reich geworden und brachte es auf acht Ehen mit sieben Frauen.

Für einen bekennenden Agnostiker zeigte Larry King eine merkwürdige Faszination für alles Übernatürliche. Gern lud er Parapsychologen und andere amtlich anerkannte Spinner ein. Über viele Jahre beschäftigte ihn die Kryonik, die Möglichkeit, sich nach dem Exitus gegen Vorkasse vereisen und für eine technologisch und medizinisch weiterentwickelte Zukunft aufbewahren zu lassen. In seinem Fall ist das aber gar nicht mehr nötig: Er ist bereits ein Nationalheiligtum. Im Bewusstsein seines nicht nur amerikanischen Publikums wird er überleben als der gute Onkel, der jeden zum Plaudern brachte. Am 23. Januar ist der raunende Großmeister 87-jährig in Los Angeles nach einer Covid-Erkrankung gestorben.

© SZ/kler/gba
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Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

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