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Kurzarbeit in Medienhäusern:Gegenläufig

Deutschlands größtes Medienunternehmen Bertelsmann behilft sich in Corona-Krise mit Kurzarbeit, um gut durch die wirtschaftliche Krise zu kommen. Das könnte auch für andere Medienunternehmen in Frage kommen.

Bertelsmann, Deutschlands größtes Medienunternehmen, geht derzeit davon aus, gut durch die Wirtschaftskrise aufgrund des Coronavirus zu kommen - auch dank Kurzarbeit. "Wir sind ertragsstark, verfügen über eine hohe Liquidität und eine komfortable Eigenkapitalquote", sagte Bertelsmann-Chef Thomas Rabe. Seinen Angaben zufolge wurden bei Bertelsmann bereits einige hundert Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, eine Ausweitung werde derzeit geprüft. Weltweit beschäftigt der Konzern momentan rund 126 000 Mitarbeiter. Kurzarbeit betreffe vor allem die Dienstleistungstochter Arvato. Dort sei in einigen Bereichen die Nachfrage stark zurückgegangen, etwa die Auslieferung von Büchern, weil viele Buchhandlungen geschlossen haben.

Kurzarbeit im Journalismus? Komme "nicht in Betracht", heißt es bei Axel Springer

Der Umsatz von Bertelsmann stieg 2019 leicht auf 18 Milliarden Euro, der Gewinn erreichte wieder etwa eine Milliarde Euro. Eine Prognose für 2020 wollte Rabe angesichts der derzeitigen Unsicherheit nicht geben. Er beobachte gegenläufige Effekte: Auf der einen Seite gehe das Werbe- und Anzeigengeschäft zurück. Die Fernsehwerbung sei im ersten Quartal noch stabil gewesen, aber seit März gebe es erste "Corona-Effekte", sagte Rabe, der in Personalunion auch Chef der RTL-Gruppe ist. Das zweite Quartal werde sicher schwierig.

Auf der anderen Seite seien viele Angebote von Bertelsmann gerade sehr gefragt. "Die Menschen haben ein erhöhtes Bedürfnis nach Information und Unterhaltung." Beim Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der zu Bertelsmann gehört und Magazine wie Stern und Brigitte verlegt, gebe es eine erhöhte Nachfrage im Abo-Verkauf. Auch die Fernsehnutzung bei der RTL Group steige, die Konzerntochter hat rund 50 Sender in vielen Ländern Europas.

Penguin Random House, der weltgrößte Buchverlag mit Hauptsitz in New York, verzeichne derzeit eine erhöhte Nachfrage nach digitalen Büchern, beim Musikunternehmen BMG boome momentan das Musikstreaming.

Eine Absage erteilte Rabe einer Beteiligung der RTL-Sender an der Streamingplattform Joyn, die von Pro Sieben Sat 1 entwickelt wurde. Er strebe "höchstwahrscheinlich" keine Kooperation an, da diese von den deutschen Kartellbehörden nicht genehmigt werden würde. RTL ist mit der Streamingplattform TV Now aktiv.

Kurzarbeit wegen der Corona-Folgen könnte auch für andere Medienunternehmen in Frage kommen. Die Axel Springer AG habe derzeit noch nicht entschieden, ob man das Instrument in Anspruch nehme, sagte ein Sprecher auf Anfrage. "In vielen Bereichen kommt das aber gar nicht in Betracht, vor allem nicht im Journalismus", betonte er. Es gebe derzeit erhöhte Zugriffszahlen auf die journalistischen Angebote. Das Unternehmen revidierte aber seine Prognose für das laufende Jahr. Umsätze und operativer Gewinn dürften in allen Geschäftsbereichen schlechter ausfallen als bisher, hieß es. Die Aktionäre, darunter Friede Springer und die Beteiligungsfirma KKR, sollen dennoch eine Dividende für das Jahr 2019 bekommen.

Bei Pro Sieben Sat 1 sei Kurzarbeit derzeit kein Thema, sagte eine Sprecherin. Alle Mitarbeiter seien momentan stark beschäftigt, man wolle den Auftrag, ein systemrelevantes Medienunternehmen zu sein, perfekt erfüllen.

© SZ vom 25.03.2020
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