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Kurz-Interview bei Puls 24:"Aber Sie haben ja ein eigenes Hirn"

Interview Sebastian Kurz Puls 24

Sebastian Kurz mit der Journalistin Alexandra Wachter im Interview für "Puls 24".

(Foto: Puls24)

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz vergreift sich in einem Fernsehinterview im Ton - und genau diese Sekunden werden herausgeschnitten.

Von Oliver Das Gupta und Bastian Obermayer

Eigentlich wäre es keine große Affäre gewesen: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte sich am Dienstagnachmittag in einem Interview mit dem Sender Puls 24 zwar im Ton vergriffen - mehr aber auch nicht. Nachdem die mehrmals hartnäckig insistierende Interviewerin Alexandra Wachter dem Kanzler ein kritisches Zitat aus der deutschen Wochenzeitung Die Zeit vorgehalten hatte, ging er die Journalistin persönlich an, "aber Sie haben ja ein eigenes Hirn", sagte er.

Ob es nun Überheblichkeit war, mangelnder Respekt vor der Interviewerin oder der Schlafmangel nach den langen EU-Verhandlungen - der persönliche Angriff war auf Tape und würde für etwas Diskussionsstoff sorgen, so viel war klar.

Als das Interview am Dienstagabend aber auf Sendung ging, fehlte genau dieser Teil des Interviews. In Österreich wird nun die Frage diskutiert, wie es dazu kam. Unbestritten ist, dass sich der Pressechef des Bundeskanzlers, Johannes Frischmann, nach dem Interview und vor der Ausstrahlung telefonisch bei Puls 24 meldete - und wenig später die Entscheidung fiel, die Stelle herauszulassen.

In dem Telefonat wurde, das bestätigt Frischmann, mindestens eine weitere Stelle thematisiert, in der sich Interviewerin Wachter und der Kanzler mit den Milliardensummen beharkt hatten, die Österreich in die EU zahlen musste und in Zukunft muss - die Kurz allerdings brutto und Wachter netto gemeint hatte. Ein Missverständnis. Allerdings eines, das man in der Moderation nach der Ausstrahlung hätte erklären können. Am Ende wurden beide Stellen geschnitten. Erst am Donnerstag stellte der Sender das ganze Interview online. Nach Recherchen der österreichischen Presseagentur APA sollen Teile der Puls-24-Redaktion über das Aussparen des Zitats alles andere als glücklich gewesen sein.

Medien sind inzwischen die aggressive Gangart des Teams um Kanzler Kurz gewohnt

Ein erstaunlicher Vorgang, der in Deutschland kaum vorstellbar wäre. In Österreich aber sind etliche Medien inzwischen die aggressive Gangart des Teams um Kanzler Kurz gewohnt. Deswegen ist dieser an sich nicht dramatische Vorgang bezeichnend: Statt rasch eine Entschuldigung zu veröffentlichen, setzt das Team Kurz schon bei einem flapsigen Spruch die "Message-Control"-Maschinerie in Gang.

Die Fragen der SZ zu diesem Vorgang will Kurz-Sprecher Frischmann nicht beantworten und verweist auf eine Stellungnahme, die er der APA gegeben hatte. Darin fehlt allerdings nicht nur die Antwort auf die Frage, ob der Kanzler von seinem Anruf wusste, sondern auch darauf, was Frischmann nun in seinem Telefonat oder gar mehreren Telefonaten mit Puls 24 wollte. Stattdessen schreibt Frischmann der SZ, selbst Puls 24 habe doch festgehalten, dass es "keine Intervention gab".

Handelt es sich wirklich um einen "ganz normalen redaktionellen Zusammenschnitt"?

Und tatsächlich bestreitet Puls 24 auf SZ-Anfrage, dass es eine "Intervention" gegeben habe. Auf die konkrete Frage, ob der Kurz-Sprecher die Streichung des Hirn-Zitats verlangt habe, antwortet der Sender am Ende doch, und zwar dezidiert mit einem "Nein". Ob das Hirn-Zitat überhaupt Thema der Telefonate Frischmanns mit Puls 24 gewesen sei? Darauf gibt es keine Antwort. Dafür schickt Puls 24 den Hinweis, es handle sich um einen "ganz normalen redaktionellen Zusammenschnitt". Alles nur ein großes Missverständnis?

Eher ist es so, dass nur wenige Medien in Österreich das Selbstbewusstsein haben, sich dem Drängen des Teams Kurz zu verweigern. Ein weiterer Teil der Wahrheit findet sich womöglich in Österreichs staatlicher Presseförderung. Nach dem Gießkannenprinzip werden auch Radio- und Fernsehsender mit Zuschüssen bedacht. So erhielt Puls 24, das zu Pro Sieben Sat 1 Puls 4 gehört, für das laufende Jahr mehr als 1,4 Millionen Euro, und aus der Corona-Förderung nochmals 1,2 Millionen Euro extra. Ein weiterer Anreiz, es sich mit der Regierung nicht zu verscherzen.

© SZ/tmh/tyc

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