Medienkolumne Abspann:Das Phantom von Weimar

Studie zur Geschlechterdarstellung in Film und Fernsehen

MDR-Intendantin Karola Wille sagt, wegen des Beitragsstopps im letzten Jahr sei die Planung erst mal auf Eis gelegen.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Ein Chorfest und ein Ideenwettbewerb - so soll die neue digitale Kulturplattform zünden. Ernsthaft, ARD?

Von Claudia Tieschky

Die neue gemeinsame Kulturplattform der ARD kommt, und zwar nach Weimar unter Federführung des MDR. Start ist schon 2022. Das war die Neuigkeit, die am Donnerstag bei einer Pressekonferenz nach einer Tagung der Intendantinnen und Intendanten der ARD verkündet wurde. Über die blanke Nachricht hinaus, dass eine entsprechende Verwaltungsvereinbarung unterzeichnet wurde, sind die Auskünfte zu dem seit Langem diskutierten Projekt dünn. Oder muss man sagen: erschreckend dünn?

An verheißungsvollen Floskeln fehlt es nicht. "Mehr Sichtbarkeit für die vielfältige und reichhaltige deutsche Kulturlandschaft", versprach der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow, "eine Stärkung von Audiothek und Mediathek und neue kreative und innovative Formate". MDR-Chefin Karola Wille verspricht ein "gemeinwohlorientiertes Kulturnetzwerk, das Inhalte nicht nur vermittelt, sondern auch mit Künstlerinnen und Künstlern produziert und Kulturschaffenden und Publikum einen gemeinsamen Resonanz- und Experimentierraum bietet". Und konkret?

Nichts gegen Chöre, Singen ist toll. Aber was soll das hier?

Einen Wettbewerb "ARD Creators" werde es bald geben - laut ARD ein "kultureller Ideenwettbewerb rund um die hochaktuelle Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält", und, ach ja, losgehen soll es im Mai 2022 mit dem Deutschen Chorfest 2022 in Leipzig. Das war's?

Gegen Chöre, das sei ausdrücklich bemerkt, gibt es absolut nichts einzuwenden, Singen ist schön und befreit die Seele. Die Kulturplattform aber wurde von der ARD in den Verhandlungen um eine Beitragserhöhung gezielt als Druckmittel gegenüber der Politik eingesetzt. Es werde sie nur geben, wenn die Öffentlich-Rechtlichen mehr Geld bekommen, hieß es. Nach der Blockade durch Sachsen-Anhalt habe man die Planungen dann erst mal auf Eis gelegt, erklärte MDR-Chefin Karola Wille bei der Pressekonferenz. Mag ja sein - doch die Beitragserhöhung wurde bereits im Juli vom Bundesverfassungsgericht in Kraft gesetzt. Eine Erklärung für die dürftige Vorstellung ist der zwischenzeitliche Beitragsstopp jedenfalls nicht.

Unaufgefordert meldet sich nach der Pressekonferenz eine MDR-Sprecherin telefonisch mit Ergänzungen. Für die neue Plattform sei bewusst eine andere Herangehensweise gewählt worden, ein Experimentierraum solle entstehen, bei dem die ARD zum Beispiel mit Institutionen und Kunsthochschulen ins Gespräch kommen wolle und den Nutzern auch die Frage beantworten werde, wie sie den Chor um die Ecke finden können. Ganz, ganz viel Potenzial stecke da drin. Wenn man nochmal kurz überlegt, was der Kulturproduzent ARD zuletzt alles an Literatursendungen abgebaut hat, ist der Gang zum Chor um die Ecke vielleicht auch keine so schlechte Idee - wie praktisch, dass die ARD den Weg weist.

Immerhin ist jetzt auch der BR der Kulturplattform beigetreten, der unter seinem früheren Intendanten Ulrich Wilhelm demonstrativ fernblieb. Die neue Münchner Senderchefin Katja Wildermuth änderte den Kurs und gab ganz offiziell die Kulturkoordination in der ARD, bislang Sache des BR, an den MDR ab; sie erhielt im Tausch dafür die Zuständigkeit für Dokumentationen im Senderverbund. Was in der ARD am Ende halt immer zur Einigung führt, ist der machtpolitische Interessenausgleich. Vermutlich in Richtung der beitragstrotzigen Ost-Länder sagte Buhrow außerdem, die Plattform stärke den ARD-Standort Mitteldeutschland. Damit sind wirklich alle strategischen Möglichkeiten des Kultur-Phantoms vor großem Publikum ausgereizt. Vielleicht redet jemand mal genauso leidenschaftlich über, verrückte Idee: Inhalte.

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