Kulturkritik Am längeren Hebel

Enissa Amani ist Moderatorin und Comedienne.

(Foto: Boris Breuer/ProSieben)

Comedienne Enissa Amani hat sich mit Journalistin Anja Rützel angelegt - und ihren Followern. In dem Zwist zeichnet sich eine neu verteilte Deutungshoheit ab.

Von Quentin Lichtblau

Der Kritiker ist kein Mensch, der seinen Beruf auf der Suche nach Liebe und Wohlgefallen gewählt hat. Der Künstler ist kein Mensch, der sich seinen Lebensinhalt gerne von Schreibtischrichtern schlechtreden lässt. Daraus ergeben sich seit jeher Konflikte, Folge sind zig Debatten über die Abgehobenheit der Feuilletonisten, den Narzissmus der Künstler, alles mit viel Tränen, Drama, Streit, selten auch mal Versöhnung.

Gerne wird dabei infrage gestellt, ob der jeweilige Kritiker seine gehobene Position als Kultur-Bewerter zurecht innehat. Aber die Macht, die Wahrnehmung von Kultur in der Öffentlichkeit in weiten Teilen mitzugestalten, galt lange als ausgemacht. Dass sich hier momentan etwas ändert, beweist die Auseinandersetzung zwischen der Kritikerin Anja Rützel und der Stand-Up-Comedienne Enissa Amani.

Was war passiert? Anja Rützel ist bekannt für ihren masochistischen Hang, unterhaltsame Kritiken über TV-Sendungen zu schreiben, die sie qua gesellschaftlicher Schicht höchstens ironisch gut finden darf. Folgerichtig widmete sie sich am vergangenen Donnerstag den "About You Awards" auf Pro Sieben, einer Art Influencer-Bambi. Dort hielt Enissa Amani eine Laudatio in der Kategorie "Comedy", in der sie hauptsächlich über sich selbst sprach, unter anderem darüber, dass sie ihre Karriere beenden und nach Nicaragua auswandern würde, sollte sie noch einmal jemand als "Komikerin" bezeichnen. Steilvorlage für Rützel, die im Textabschnitt über die ihrer Meinung nach sehr unlustige Amani extra oft das böse K-Wort fallen ließ. Amani wehrte sich in Form von Textblöcken und Kommentaren in ihren Profilen auf Instagram und Facebook. Der Spiegel, da seien sich "alle Intellektuellen Deutschlands" einig, sei mittlerweile zum "Schrott-Klatschblatt" verkommen, Rützel ein nach Aufmerksamkeit heischender, verbitterter Mensch. Sie habe sie mit dem Ausschreiben des Wortes "Komikerin" außerdem dazu aufgefordert, das Land zu verlassen.

Diese Reaktion - berechtigt oder nicht - ist an sich kein ungewöhnlicher Vorgang, dank des Internets bleibt Kulturjournalismus heutzutage nicht mehr unwidersprochen und Amani ist auch nicht der erste Mensch, der sich nach einer Kritik öffentlich und wütend zu Wort meldet.

Die neue Dimension ist allerdings folgende: Während Künstler früher zwar auch eine wütende Replik verfassen konnten, haben sie heute mehrere tausend Follower hinter sich, die nach einem Wink ihres Idols innerhalb von Minuten die Social-Media-Profile der Kritiker mit Beleidigungen und Drohungen fluten. Und was Reichweiten betrifft, sitzen dabei oft nicht länger die Medien, sondern die Künstler am längeren Hebel. Bei Amani, der auf Facebook und Instagram jeweils mehr als eine halbe Million Menschen folgen, reichte der Verweis auf Anja Rützels Instagram-Profil, um ihre Followerschaft binnen Minuten zur Teilnahme an einem Schwall von Nachrichten und Kommentaren gegen Rützel zu überzeugen. Als Rützel ihr Instagram-Profil nach einer ersten Welle von Hass-Nachrichte auf "privat" stellte, heizte Amani ihre Fans zusätzlich an. Rützel könne wohl nicht einstecken, nur austeilen. Amani, einem Social-Media-Profi, musste dabei mehr als bewusst gewesen sein, was sie mit solchen Anspielungen auslöste. Und ihren Followern wird Amanis Version der Vorfälle im Kopf bleiben. "Tja, ,wir' sind eben die neue Presse, nur mit mehr Reichweite", schrieb Amani in einem mittlerweile gelöschten Tweet.

Viele Journalisten mögen angesichts solcher Aussagen zwar müde lächeln. Doch Stars haben mittlerweile Reichweiten, von denen viele Zeitungen nur träumen können - und diese sind alles andere als sinkend. Amani mit ihrer halben Millionen liegt dabei zwar noch hinter einem Medium wie Spiegel Online, andere aber sind schon längst vorbeigezogen. Ein gutes Beispiel ist der Rapper Capital Bra, eine Marke mit mehr als drei Millionen Abonnenten, vom Großteil der Feuilletons ignoriert, bis er mehr Nummer-Eins-Hits als die Beatles gelandet hatte. Mit einer solchen Gefolgschaft im Rücken ergibt sich ein völlig neues Selbstbewusstsein, das nicht selten in Allmachtsphantasien umschlagen kann. Capital Bra reagierte 2018 auf einen Text der Rheinischen Post mit der Veröffentlichung eines Fotos des Autors, inklusive den Worten "So sehen 35-jährige hater aus Mönchen-Gladbach aus die nach Aufmerksamkeit betteln weil sich kein Schwanz für sie interessiert". Der Autor hatte sich über Capital Bra und seine Fans lustig gemacht. "Dir droht niemand aber viel Spaß mit den Geistern die du riefst", schrieb Capital Bra daraufhin. Auch hier wussten seine Abonnenten, was zu tun war - genau wie ein Jahr später im Falle eines BR-Journalisten der den Rapper Bonez (1,9 Millionen Abonnenten) wegen Schleichwerbung kritisiert hatte: Zeit für den orchestrierten Shitstorm.

Die Gestaltung ihres öffentlichen Bildes haben junge Kulturschaffende heutzutage in weiten Teilen selbst in der Hand, ganz ähnlich den Fußballvereinen und Parteien, die sich mit eigenen "Newsrooms" und Pseudo-Medien eine eigene, abgeschlossene Blase basteln. Einer Tageszeitung ein Interview geben? Warum sollte man Zeit mit einem Journalisten verschwenden, wenn man sich und sein Werk auf den eigenen Kanälen viel direkter und ganz ohne Widerspruch bewerben kann? Warum sollte man einen kritischen Text hinnehmen, wenn man genauso gut auf Attacke schalten kann - und damit letzten Endes bei den Fans als "Sieger" dasteht.

Die Tendenz, sich die Berichterstattung über sich selbst zu eigen zu machen, mag für viele lange ignorierte Künstler einen verdienten Rückenwind bedeuten. Wenn sich Künstlerinnen aber als "die neue Presse" verstehen, Autorinnen mit Drohmails bombardiert werden und gleichzeitig Capital Bra mehr Reichweite besitzt als die Zeitungen, deren Mitarbeiter erstmal seinen Namen googlen müssen, sind das die ersten Anzeichen einer rapiden Verschiebung der Deutungshoheit. Hier braucht es einen neuen Umgang: Der Kritiker muss sich von seiner Unberührbarkeit als Instanz fernab vermeintlich irrelevanter Gegenwarts- und Netzkultur verabschieden - auch wenn er dafür harte Bandagen brauchen könnte. Aber Liebe und Wohlgefallen hat er ja eh nie gesucht.