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Kümmert-Entscheidung als Fernsehmoment:Bück dich hoch

Andreas Kümmert; Eurovision Song Contest 2015

Unerhört! Als hätte Andreas Kümmert sich nicht denken können, dass Ann Sophie viel geeigneter ist als er. Erinnern wird man sich aber an ihn.

(Foto: Getty Images)

Unerhört! So empfinden viele die Absage von Andreas Kümmert an den ESC. Wie immer, wenn Menschen plötzlich nicht das tun, was geplant war. Der große Moment wird sich in die Fernsehgeschichte einbrennen.

Für die einen ist Andreas Kümmert ein Versager, für die anderen ein Held. Der fränkische Bluesrocksänger hat es am Donnerstag gewagt, am Ende eines Auswahlverfahrens zu sagen, dass er sich lieber nicht auswählen lassen möchte. Nicht mehr und nicht weniger. Unerhört klang das, als er sagte, dass er lieber nicht zum Finale des Eurovision Song Contest fahren möchte. Unerhört! Obwohl er beim nationalen Vorentscheid mit 78,7 Prozent der Anruferstimmen ganz weit vorne lag, hat er den Siegerkranz weitergereicht an die Zweitplatzierte, an Ann Sophie. "Ich denke, dass sie viel geeigneter ist", hat er gesagt. Als wenn er das nicht vorher hätte wissen müssen. Unerhört!

Barbara Schöneberger fand sofort den richtigen Soundtrack zu diesem Drama. "Das ist ein Coitus interruptus der schlimmsten Sorte", sagte sie, aber das Entsetzen war nur gespielt. Innerlich muss sie als kluge Performerin, die sie ist, gejubelt haben, denn sie wusste in diesem Augenblick sehr wohl, dass sie gerade einen Moment erlebt, der sich in die Fernsehgeschichte einbrennen wird, weil sich das Medium kurz befreite von selbst auferlegten Zwängen.

Man geht nicht in einen Wettbewerb und schlägt dann hinterher den Titel aus, hieß es danach. Kümmert wurde als labil und unzuverlässig gescholten. Alles gemäß der Devise: Wer in der Küche arbeitet, sollte nicht hitzeempfindlich sein.

Darin spiegelt sich ein Anforderungsdenken, das im Wesentlichen vom Fernsehen der vergangenen Jahre selbst geprägt wurde. Wer was leistet, kommt weiter. Wer etwas wirklich will, kommt weiter. Wer sich unterwirft, kommt weiter. Das sind die Regeln, nach denen Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" und "Germany's Next Top Model" funktionieren. Regeln, an denen sich für viele inzwischen auch die Wirklichkeit orientiert. Die Regeln fordern unbedingte Anpassung ans Format. Wer die Regeln befolgt, wird belohnt. Staatsbürgerkunde TVpunktNull.

Dass dabei naturgemäß genau jene Individualität auf der Strecke bleibt, die nun einen wie Andreas Kümmert auszeichnet, ergibt sich zwangsläufig. Mit Individualität kann das Fernsehen aber ohnehin nichts anfangen, allenfalls mit der Vortäuschung einer solchen. Menschen werden kurzfristig aufgeblasen zu Promis, Stars und Helden, nur um direkt danach dem Vergessen anheim zu fallen. Sie sind Manövriermasse im Programmablauf eines Mediums, das die Planbarkeit über alles stellt. Auch über den Menschen. Krumme Anfangszeiten gibt es nicht, krumme Formate nur selten. Audience Flow is King.

Dazu passte vor drei Jahren hervorragend der Deichkind-Hit "Bück dich hoch". Er klang wie der Soundtrack jener, die für sich keinen anderen Weg als die Anpassung sehen. Der Hit sollte eine Parodie sein, aber trotzdem wird nun der Unangepasste nun als Sonderling ausgegrenzt und abgestraft. Ihm schlagen die Verachtung der Fernsehmacher und die Wut aus den sozialen Medien entgegen. Da tanzt einer aus der Reihe, und das mögen vor allem jene nicht, die gerade wieder gemerkt haben, was passiert, wenn man vergisst, den Mobilfunkvertrag zeitig zu kündigen. Dann ist man wieder Opfer eines perfiden Systems, das Individualität nicht kennt und Reste davon spätestens in der zuständigen Hotline eliminiert.

Versucht man die bemerkenswerten Fernsehmomente der letzten zehn Jahre zu summieren, stößt man immer wieder auf Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen plötzlich nicht das taten, was geplant war. Samuel Koch stürzte bei "Wetten, dass...", und Marcel Reich-Ranicki lehnte den Deutschen Fernsehpreis ab. Kurioserweise bescherte das Ausscheren aus der Norm in beiden Fällen den Sendungen eine Aufmerksamkeit, die sie aus eigener Kraft nicht zu generieren vermochten. Allerdings wirkten in der Rückschau beide Ereignisse wie die Vorboten eines nahenden Siechtums. Beide Sendungen sind inzwischen eingestellt.

Insofern sollte man sich auch beim Eurovision Song Contest Gedanken machen, was nach dem großen Fernsehmoment, nach der großen Wallung kommt. Was wird in Erinnerung bleiben? Ann Sophie, die nun nach Wien fährt? Oder doch eher Andreas Kümmert, der sagt, dass er nur ein kleiner Sänger ist, der aber die Zahnrädchen des großen Fernsehapparates Eurovision Song Contest, von denen er nicht erdrückt werden will, für einen Moment knirschen ließ. Kümmert hat auf seiner inneren Tastatur für manche die falsche ESC-Taste gedrückt, er ist ausgebrochen aus der Konvention und dann abgetaucht. Unerhört!

Er wird wiederkommen, und man wird sich an ihn erinnern. Man wird seine Musik hören und ernstnehmen. Mehr will er gar nicht. Was aus dem ESC und all seinem Blendwerk wird, ist dagegen offen. Vor dem Coitus Interruptus war der Wettbewerb eine Leistungsschau der lichtverarbeitenden Industrie und eine Tradition, die im Jahr fünf nach Lenas Sieg in Oslo keiner wirklich mehr auf der Rechnung hatte. Nun stand der Wettbewerb kurz im gleißenden Licht. Wie es weitergeht, ist offen. Eine erste Entscheidung fällt am 23. Mai in Wien.

© SZ.de/cag

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