"Ku'damm 59" im ZDF Lebenslügen unterm Lippenstift

Drei der fünf besten Serien dieses Monats: "The Terror", "Ku'damm 59" und "Bad Banks"

(Foto: AMC/ZDF/ZDF)

Und wann singen sie jetzt? In den neuen Folgen von "Ku'damm 59" wird die Kulisse der heilen Welt erst in Szene gesetzt und dann lustvoll geschrottet.

Von Claudia Tieschky

Ach, er könnte so schön sein, dieser Satz, ein Dank für alle Entbehrungen einer alleinstehenden Frau mit drei Töchtern. Ist er aber nicht. "Mutti, auf dich kann man sich wirklich immer verlassen", ist die bittere Feststellung der jüngsten Tochter Monika, die durchnässt, hochschwanger und wohnungslos vor der Tür steht und von der Dame des Hauses mit durchgedrücktem Rücken und kalter Freundlichkeit abgewiesen wird, denn es sind die Fünfzigerjahre und "Ich kann mich nicht zum Gespött der Leute machen".

Über weite Teile erinnern die drei Folgen an bonbonfarbene Kinoträume aus den Fünfzigern

Ja, auf diese Mutti war schon Verlass im Mehrteiler Ku'damm 56, in dem man vor zwei Jahren im ZDF den Frauenhaushalt Schöllack in der Berliner Tanzschule "Galant" kennenlernte, mit den Töchtern Helga, Eva und der eigensinnigen Monika. Und Mutti bleibt auch in der Fortsetzung Ku'damm 59, die drei Jahre später spielt, ganz sie selbst: eine drachenähnliche Anstandsdame mit ihrer heimlichen Schwäche für die Zeit mit dem Führer, einem etwas grellen Chic und lauter energisch in Stöckelschuhen überspielten Lebenslügen. Wie der, dass der Vater ihrer Töchter sie nicht etwa verlassen habe, sondern im Krieg gefallen sei.

Claudia Michelsen spielt diese Caterina Schöllack meisterhaft als allzeit lippenstiftbewehrte Strategin des gesellschaftlichen Aufstiegs, die ihre Unerbittlichkeit als Mutterliebe ausgibt. Sie liefert mit ihrem Spiel auch in der Fortsetzung fast ganz allein die zeithistorische Grundierung von Scheinmoral, vor der sich die Töchter ins Glück oder Unglück stürzen, wobei das eine mit dem anderen leicht zu verwechseln ist. Dass die Heirat der hübschen Helga nicht direkt ins häusliche Glück führt, ahnte man schon in der ersten Staffel; in der zweiten zieht sie dank mütterlicher Ränke nun Monikas Kind groß und wird endlich sogar selbst schwanger. Aber ihr Ehemann Wolfgang wird sich verlieben, und zwar verbotenerweise in einen unwiderstehlichen Rechtsanwalt.

Ku'damm 59 handelt davon, dass das Leben vielleicht ganz anders sein muss. Dass man sich als Tochter nach Ansicht des Mutterdrachens ins Unglück stürzen muss, um möglicherweise glücklich zu werden. Aber der Mehrteiler, das machte schon in der ersten Staffel seinen Reiz aus, ist als große Erzählung über die Emanzipation der jungen Generation in der deutschen Nachkriegszeit angelegt, als Prozess der Selbstfindung trotz übler Rollenerwartungen für Frauen, sadistischer Anstandsregeln und der ganzen Vergangenheit, über die keiner spricht. Das alles wird im zweiten Teil noch etwas ernsthafter und existenzieller.

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Das Schöne an Ku'damm ist aber auch, dass der Film (und die Schauspielerin Michelsen) dem Drachen Caterina seine durch ein Gläschen "Frauengold" beschickerten Momente gönnt und gelegentlich eine heimliche Sehnsucht. Und so darf diesmal zum Ausgleich für die sehr harte Realität Caterina Schöllack das Glück in einem Mann ganz nach ihrem Geschmack finden; oder sagen wir: einen Zipfel davon.

Vielleicht muss man an dieser Stelle kurz erklären, dass weder Caterina noch Eva oder Helga die wahren Heldinnen von Ku'damm sind. Der wirkliche Mittelpunkt ist Monika (Sonja Gerhardt), die unmögliche Tochter, die sich einfach nicht anpassen kann und die falschen Freunde hat, nämlich einen dubiosen Freddy, der in einem Abbruchgebäude haust und sie "Monikind" nennt und "Ohne dich gäbe es mich gar nicht mehr" sagt. Freddy hat immer die Fluppe im Mund und auf dem Arm eine Nummer eintätowiert, das ist die Nummer vom lieben Gott, sagt er lässig zu den süßen Mädchen, wenn sie fragen, und denen reicht das. Mit ihrem Freund Freddy hat Monika Rock 'n' Roll gelernt und das Kindchen gezeugt. Auch wenn ihre große bleiche Liebe der zornige Industriellensohn Joachim Franck (Sabin Tambrea) ist.

Und dann? Dann hatte Drehbuchautorin Annette Hess (Regie: Sven Bohse) die ziemlich geniale Idee, Freddy und Monika in eine Filmkarriere stolpern zu lassen.

Überhaupt ähnelt Ku'damm 59 über weite Teile selber so sehr einem bonbonfarbenen Kinotraum aus den späten Fünfzigern, dass man denkt: Und wann singen sie jetzt? Gedreht wird als Film im Film irgendwas mit Schlager im Dirndl und Lederhosen, wie einst im Im Weißen Rößl. Von der Gage kauft sich Monika ein mondänes Cabrio, und Mutti Schöllack findet die verwandte Seele in Regisseur Kurt Moser, der bis 1944 Filme für das Volksempfinden drehte, wie er sagt, und jetzt eben Unterhaltung macht. Ulrich Noethen darf wunderbar österreichern und ein richtig mieser Grapscher sein, aber diese herrlich verlogenen Kulissen der heilen Welt werden dann genauso lustvoll, wie sie hier von der opulenten Ausstattung aufgebaut sind, wieder geschrottet.

Denn anders als in den Schlagerfilmträumen zeigt die Schöllack-Saga auch die andere deutsche Wirklichkeit. Schambesetzte und unter Strafe gestellte Homosexualität; die gesetzliche Macht der Ehemänner über ihre Frauen; und Freddy macht Bekanntschaft mit einem Staatsanwalt, der einen Auschwitz-Prozess vorbereitet, wie ihn Fritz Bauer von 1963 an in Frankfurt wirklich führte. In den wahrhaftigsten Momenten aber sitzen Mutti und ihre Töchter vereint in ihren jeweiligen Niederlagen miteinander am Tisch, und man ahnt, dass die vier Frauen hier wirklich keinen Mann zum Überleben brauchen.

Ku'damm 59, drei Teile, ZDF, Sonntag, Montag und Mittwoch, 20.15 Uhr.