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Kritik an BR-"Polizeiruf 110":Reale Orte, ähnlich vorstellbar

In einem Katalog zum Jugendmedienschutz wird aufgelistet, worauf die Jugendmedienschützer genauer schauen: auf "Verletzungen" (beispielsweise Tötungsszenen, offene Wunden, zerquetschte Unfallopfer), "bedrohliche Situationen" (wimmernde Opfer, ängstliche Schreie), "Körper, die in einer inhumanen und abnormalen Weise dargestellt werden", (explizite) "Sexualität", "faschistisches Gedankengut und Herrenmenschensymbolik", "explizite Gewaltausübung und Kriegshandlungen", "Naturkatastrophen" (Tsunamis, Tornados, einstürzende Häuser), Selbstschädigung (Koma-Saufen, Suizid) und "psychische Extremsituationen" (Mobbing, Inzestschwangerschaft, Geiselnahme).

Das allermeiste davon steht mehr oder weniger regelmäßig auf der Nachrichtenagenda und wird damit in News-Sendungen oder TV-Magazinen thematisiert. Ein Jugendschutzkriterium "Hilflosigkeit des Staates" existiert allerdings nicht. Genau das ist der zentrale Vorwurf, den die Jugendschutzbeauftragte Mader an Redaktion, Regie und Produktion von "Denn sie wissen nicht, was sie tun" erhebt.

In ihrer Beurteilung heißt es: "Der Staat ist hilflos, weder gegen den wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens überführten Täter noch gegen den Selbstmordattentäter hat der Staat eine Chance. Beide sterben und ,gewinnen' damit, indem sie sich dem Staat erfolgreich entziehen können." Oder: "Die Polizei hat die Sache offensichtlich nicht im Griff". Oder auch: "Die Hilflosigkeit des Staates wird in den 'Tunnelszenen' fortgesetzt".

Die Botschaft "der Hilflosigkeit des Staates", so fasst Mader ihr Schreiben zusammen, "geht damit einher, dass der Film keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse bietet. Alle - bis auf den Kommissar -, die zur staatlichen Ebene gehören, werden mehr oder weniger als ,Hampelmänner', als Karikaturen gezeichnet: Bürokratische Hemmnisse, Kompetenzgerangel, persönliche Abneigungen, Staat kaschiert Fehler, die Kommissarin droht dem Attentäter Gewalt an".

Abgesehen davon, dass in Steinbichlers Polizeiruf niemand gewinnt, ist das eine beinahe absurde, auch weltfremde Jugendschutzauffassung. Wird nicht täglich in Staat und Gesellschaft kaschiert, gehemmt, gedroht, und muss man sich als öffentlich-rechtliches Programm nicht damit auch zur besten Sendezeit beschäftigen? Man kann den beanstandeten Kriminalfilm ja schlecht finden, seine Ästhetik der dunklen Bilder und seine Klischees. Für die Jugendschutzbeauftragte ist auch die inszenierte Wirklichkeitsnähe offenbar 20.15-Uhr-unzulässig. "Durch die realitätsnahe Darstellung mit intensiven Bildern (Dunkelheit, Rauch, Schreie, Tote, verletzte Menschen, denen Körperteile durch die Explosion amputiert wurden)" könne "starke Angst herbeigeführt werden". Die "Allianz-Arena und auch der Fußgängertunnel sind reale Orte, die ähnlich in jeder Stadt vorstellbar sind".

Wenn bemüht oder gelungen realitätsnahe, intensive Bilder ein Vergehen sind, müsste fast jeder Tatort indiziert sein. Maders Einlassungen wirken wie Zensur unter dem Etikett des Jugendschutzes. Und hat nicht der BR-Fernsehdirektor Fuchs früher ganz andere Filme um 20.15 Uhr genehmigt?

Hans Steinbichler sagte an diesem Sonntag auf Anfrage: Er sei sprachlos. Matthias Brandt teilte mit: "Mir war nicht bekannt, dass ich mit dem Auftrag arbeite, ein positives Staatsbild zu zeigen. Ich bin nicht staatsfeindlich eingestellt, und der Film ist es natürlich auch nicht, aber das kann nicht der Auftrag künstlerischer Arbeit sein."