Süddeutsche Zeitung

Krise der Regionalpresse:Chronische Schwindsucht

Zeitungen veranstalten Fahrradtouren für Abonnenten und betreiben mit großem Aufwand Heimatpflege. Nie wurden Leser mit solchem Aufwand bedient - und nie brachte das so wenig.

Sebastian Beck

Es sind hässliche Zahlen und Grafiken, die Bodo Almert da auf seinem Rechner gespeichert hat. Der Geschäftsführer der Märkischen Oderzeitung schwenkt den Monitor, damit der Besucher sie besser sehen kann, diese Kurven, die den Niedergang dokumentieren: Egal, ob Lausitzer Rundschau, Nordkurier, Berliner Zeitung oder Almerts Blatt - überall das gleiche Bild: die Auflagen sinken und sinken, ein Ende ist nicht absehbar. Noch in diesem Jahr, fürchtet Almert, könnte die Abo-Zahl der Märkischen Oderzeitung erstmals unter 80.000 Stück fallen - 1998 waren es noch 132.000. Seitdem geht es konstant bergab. Wie anderswo auch.

Almert könnte in seinem Büro in Frankfurt an der Oder noch lange solche Zahlen referieren, doch er ist in Eile: Am Abend hat die Märkische Oderzeitung, die hier nur alle beim Kürzel MOZ nennen, im 130 Kilometer entfernten Potsdam zum Jahresempfang geladen. Unter den Gästen ist auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, SPD. Bevor es ans Buffet geht, schmeichelt er den versammelten Journalisten: "Sie liefern Qualität und sind nah dran bei den Menschen", sagt Platzeck. "Die Zeitung ist für die Demokratie und das Miteinander essenziell."

Das hört sich zwar gut an. Doch um die deutsche Regionalpresse ist es schlecht bestellt. Wer in diesen Tagen mit Chefredakteuren telefoniert, um sich ein Bild von der Krise einer Branche zu machen, der hört stets ähnlich klingende Sätze: Ja, die Lage sei sehr ernst, man möge sich aber doch bitte woanders umschauen. Am besten bei der Konkurrenz.

Auch im ersten Quartal 2011 sind die Auflagen wieder gesunken, und das in ganz Deutschland. Die Schweriner Volkszeitung etwa hat binnen eines Jahres 3,8 Prozent der verkauften Auflage verloren, die Nürnberger Nachrichten 2,6. Dass der Kölner Express sich im vergangenen Jahr zumindest stabil halten konnte, gilt in der Branche schon als Erfolg.

Beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) muss man erst einmal nachdenken, um wenigstens ein halbwegs positives Beispiel zu finden: Der Hellweger Anzeiger gewann seit Anfang 2009 genau 215 Abonnenten hinzu - es sind jetzt gerade einmal 23738. Die Mehrzahl der großen Regionalzeitungen aber hat binnen eines Jahrzehnts bis zu einem Drittel der Auflage verloren. BDZV-Präsident Helmut Heinen, der selbst die Kölnische Rundschau herausgibt, spricht von einem "Erosionsprozess", der bereits Mitte der 90er Jahre begonnen habe, also noch vor dem Aufkommen des Internets, das so häufig für die Probleme der Zeitungen verantwortlich gemacht wird.

"Ich bleibe Optimist"

Wie, wann und ob der Trend zu stoppen ist, das weiß Heinen ebenso wenig wie Frank Mangelsdorf, der Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung. Mangelsdorf hat seine journalistische Karriere noch zu DDR-Zeiten begonnen, Umbrüche und scheinbar ausweglose Situationen ist er gewohnt. Er ist kein Mensch, der zur Larmoyanz neigt. Über sich und seinen Beruf sagt er: "Ich bleibe Optimist." Als er vor neun Jahren in Frankfurt an der Oder anfing, habe dort noch eine "Art Grundresignation" geherrscht, erinnert er sich. "Die Stimmung hat sich mittlerweile wirklich geändert." Die Stadt an der polnischen Grenze ist größtenteils saniert, auch mit der Wirtschaft geht es inzwischen aufwärts. Und mittendrin die MOZ-Zentrale, an einem romantischen Park gelegen.

Es könnte ein Traumjob für Mangelsdorf sein, wäre da nicht diese chronische Schwindsucht: In der Region geht die Bevölkerung zurück, Leistungsträger wandern ab - und damit sinkt auch die Zahl der potenziellen Leser. Aber nicht nur das: Noch vor ein paar Jahren kündigten Abonnenten, weil sie sich die Zeitung von Hartz IV nicht leisten konnten. Inzwischen aber sterben sie einfach weg. Doch junge Leser wachsen nicht nach.

Mangelsdorf und seine Mitarbeiter stemmen sich mit aller Macht gegen diese Entwicklung. Sie heben Kinder- und Jugendseiten ins Blatt, bei Schulbesuchen werben sie fürs Lesen - und stellen fest: Nicht nur den Jugendlichen ist das Medium Zeitung ungefähr so fremd wie ein Plattenspieler, auch viele Lehrer haben sich davon längst verabschiedet. "Erschreckend" findet das Mangelsdorf und doziert wie Ministerpräsident Platzeck: "Wo gelesen wird, wächst das Verständnis für Demokratie."

Noch wird gelesen, und deshalb produziert die MOZ im östlichen Brandenburg einen Mantelteil und elf Lokalausgaben. Anfang des Jahres übernahm das Unternehmen sogar vier Titel von der Ippen-Gruppe. Vom Fußballspiel zwischen Schönow und Britz bis hin zur geplanten Straßenbahn über die Brücke nach Polen - der MOZ entgeht in ihrem Verbreitungsgebiet kaum etwas. In vielen Dörfern, in denen Kneipen und Geschäfte zugemacht haben, sei die MOZ die einzige Nabelschnur zur Welt, sagt Mangelsdorf und zählt auf, was die Zeitung alles unternimmt, um selbst in der Öffentlichkeit präsent zu bleiben: Die Märkische Oderzeitung hat die Lokalberichterstattung im Berliner Umland verstärkt, sie moderiert Diskussionen, veranstaltet Fahrradtouren für Leser, gibt hochwertige Bücher zur Heimatgeschichte heraus. Als das Land Brandenburg vor einigen Jahren den Kunstpreis strich, sprang die MOZ ein und verleiht ihn seitdem in Eigenregie. Im Kampf um ihre Kundschaft nutzt die MOZ das ganze Arsenal des Redaktionsmarketings - wie viele andere Zeitungen in Deutschland auch.

Doch was bringt das? Geschäftsführer Almert glaubt den Erfolg am rechten Rand der Abwärtskurve zu erkennen: Sie verläuft dort inzwischen flacher als in den Jahren zuvor. "Dahinter steckt viel Kleinarbeit", sagt Almert. "Die Märkische Oderzeitung ist die Zeitung mit dem geringsten Auflagenrückgang in Ostdeutschland." Ein jährlicher Schwund von weniger als zwei Prozent ist hier fast schon ein Lichtblick.

Furchterregendes auf dem Werbemarkt

Almert hat aber noch andere Sorgen. Während sich zumindest die Vertriebserlöse stabilisieren, passiert auf dem Werbemarkt "Furchterregendes": Die großen Discounter wie Aldi, bisher Stammkunden der Tageszeitungen, drängen in die kostenlosen Anzeigenblätter. Denn mit dem Rückgang der Auflage büßen die Zeitungen ihre Attraktivität als vergleichsweise teurer Werbeträger ein: Im Jahr 2000 erreichte die MOZ 42 Prozent der Haushalte, jetzt sind es nur noch 26,5Prozent - ein Werbeblatt hingegen deckt fast alle ab.

Zwar gibt der Verlag selbst einige dieser Blätter heraus. Dennoch fürchtet Almert, dass irgendwann eine Abwärtsspirale in Gang kommen könnte, die den Kern der Zeitung trifft: die Redaktion. Noch immer sind es 112 Redakteure, die bei der MOZ arbeiten - ihre Zahl ist seit den 90er Jahren konstant geblieben, obwohl sie mehr leisten müssen. Doch anders als bei vielen Verlagen wurde hier zumindest kein Personal abgebaut. Noch nicht. Dafür aber mussten die Redakteure drastische Kürzungen beim Gehalt akzeptieren. "Über Tariflohn reden wir hier gar nicht mehr", sagt Mangelsdorf mit Blick auf die Streiks an deutschen Tageszeitungen.

Die Redaktion der MOZ - das Unternehmen gehört je zur Hälfte der Neuen Pressegesellschaft in Ulm und der Stuttgarter Verlagsgesellschaft - ist in eine eigenständige GmbH ausgelagert worden, die niedrigere Gehälter zahlt. Als das Anzeigengeschäft in Folge der Wirtschaftskrise einbrach, stellte die Geschäftsführung die Mitarbeiter vor die Wahl: Entweder Entlassungen oder Verzicht aufs Urlaubsgeld. Fast alle Redakteure unterschrieben daraufhin neue Verträge zu schlechteren Konditionen. Im Vergleich zur Region sei der Beruf aber immer noch gut bezahlt, tröstet sich Mangelsdorf.

Er versucht weiter die Effizienz zu steigern. Die Produktion der Lokalseiten erfolgt nun zentral, damit die Redakteure draußen mehr Zeit zum Schreiben und Recherchieren haben - so lautet das Ziel. Unter den Mitarbeitern stößt die Reform dennoch auf Skepsis. "Du kannst Journalisten nicht noch mehr ausbeuten", sagt ein altgedienter Redakteur der MOZ. Wie auch seine Kollegen hofft er darauf, dass die Jungen irgendwann doch noch den Wert der Zeitung entdecken - wenn sie erst einmal 30 sind und im Beruf Fuß gefasst haben.

Der Medienwissenschaftler Horst Röper ist da skeptisch. Er beobachtet schon seit Jahren die Entwicklung auf dem Zeitungsmarkt. Was bei der Märkischen Oderzeitung passiert, ist typisch für ganz Deutschland. "Der Auflagenrückgang wird sich fortsetzen", prophezeit Röper. Er kennt zig Initiativen, mit denen Schüler an die Zeitungen herangeführt werden sollen. Doch der Erfolg sei in der Masse nicht erkennbar.

MOZ-Geschäftsführer Almert sieht die Lage zwar nicht ganz so düster, aber auch er verweist auf Umfrageergebnisse des Instituts Allensbach, wonach sich das Informationsverhalten der jüngeren Generation geändert habe: Das Spektrum der Interessen habe sich verengt, auch der Grad der politischen Teilhabe gehe zurück. "Die Tageszeitung wird es noch lange geben", sagt Almert und fügt hinzu: "Aber nur, wenn sie sich ändert."

Bloß, in welche Richtung? Wird sie sich zu einem elitären Medium für wenige Bildungsbürger entwickeln? Muss die Zeitung jünger, weiblicher und leichter verständlich werden, wie BDZV-Präsident Heinen es fordert? Ist doch das Internet die Zukunft?

"Wenn ich eine Antwort geben könnte, dann wäre ich der am besten bezahlte Zeitungsmanager Deutschlands", sagt MOZ-Chefredakteur Mangelsdorf. Er ärgert sich mitunter über die Verleger: Man dürfe die Zeitungen nicht dauernd schlechtreden. Weil Mangelsdorf Optimist ist, fängt er jeden Tag wieder von vorne an. Und er ist stolz darauf, wenn in Unterhaltungen immer wieder dieser eine Satz fällt, den er so gerne hört: "Das stand in der Zeitung."

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SZ vom 11.06.2011/berr
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