Krimi Witzversagen

Ein bißchen Spaß muss sein: Jürgen Vogel als Comedystar.

(Foto: Georges Pauly/ZDF)

In der jüngsten Folge von Lars Beckers Reihe "Nachtschicht" spielt Jürgen Vogel einen erfolgreichen Comedian, der aber unter Verdacht steht.

Von HANS HOFF

"Sie sollten mal eine Tüte rauchen", sagt Henry Hübchen irgendwann zu Armin Rohde, und spätestens an dieser Stelle im Film keimt der Verdacht, dass beim Verfassen des Drehbuchs die eine oder andere bewusstseinserweiternde Substanz eine Rolle gespielt haben könnte. Es wäre zumindest eine plausible Erklärung für den Umstand, dass diese Folge der sonst sehr lobenswerten Reihe "Nachtschicht" wegen inhaltlicher Überladung und mehrerer Handlungsstranginfarkte so komplett aus dem Ruder läuft.

In dieser Episode der Reihe ist von allem zu viel da

Hübchen ist der Manager eines berühmten Comedystars und Rohde der nachtdiensthabende Ermittler, der auf der Wache alles ganz genau wissen will. Ihn interessiert, wie das kommen konnte, dass der Comedystar mit seinem Ferrari einen Unfall baute, als Fahrer aber dessen zugedröhnter Gagschreiber angegeben wurde. Ihn interessiert auch, warum just dieser in seinen Leistungen arg nachlassende Gagschreiber kurz danach tot aufgefunden wird, warum der Comedystar von einem Drogendealer wegen läppischer 5000 Euro Schulden mit der Pistole bedroht wird und was die von einer Comedykarriere träumende und mit einem dauerdurchdrehenden Stalker-Ehemann geschlagene Krankenschwester damit zu tun hat, die zufällig genau auf der Station arbeitet, auf der eine Kollegin des Comedystars im Wachkoma liegt.

Normalerweise hat Lars Becker als Drehbuchautor und Regisseur die Dinge fest im Griff, er kann Handlungsstränge auspendeln, die Magie einer turbulenten Nacht im Polizeidienst einfangen, mit Hoch- und Tiefpunkten spielen. Er weiß in der Regel sehr genau, wann er dem Affen Zucker geben darf und wann er vom Gas gehen muss, damit im Morgengrauen so etwas wie Erlösung eintritt. Das macht die Folgen dieser Reihe sehr sehenswert. Normalerweise.

Diesmal aber hat Becker nichts im Griff, weil in der Folge Ladies First von allem zu viel da ist. Es ist zu viel Polizeiversagen zu sehen, es sind zu viele Motive im Spiel, und wenn es um die Darstellung der Verhältnisse hinter den Kulissen der Comedyszene geht, taucht Becker die Feder ganz tief in die Klischeetinte und lässt sie genussvoll austropfen.

Möglicherweise ist Hübchens Vorschlag mit der Tüte, die man zur Entspannung bitteschön rauchen möge, aber auch ein verdeckter Hinweis an den Zuschauer, der besser beraten wäre, sich diesem wirren Treiben nicht nüchtern auszusetzen.

Dabei ist an den Schauspielerleistungen wenig auszusetzen. Die Polizistendarsteller, von Rohde über Minh-Khai Phan-Thi bis Barbara Auer, erledigen ihren Job gewohnt routiniert, und sogar Jürgen Vogel als Comedystar, mit dem auf der Wache erst mal alle Polizisten Selfies machen wollen, bevor er dann doch in der Arrestzelle landet, macht keine durchweg schlechte Figur.

Aber was sollen all die wohlwollenden Mimen machen, wenn sie gegen ein überladenes Drehbuch anspielen müssen, wenn alles mit allem zusammenhängt? "Es gibt Gags, und es gibt die Wirklichkeit", klärt der Comedystar irgendwann den Polizisten über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in seinem Gewerbe auf. Genau da wird es traurig, denn es scheint durch, dass dieser Film wohl ein großer rauschhafter Gag werden sollte, leider aber sehr unsanft in den Tiefen der Wirklichkeit notlanden musste. Eine Tüte, bitte.

Nachtschicht: Ladies First, ZDF, 20.15 Uhr.