Krimi-Hörspiele:Hände hoch

Sörensen hat Angst

Kommissar Sörensen leidet an Angststörungen, nicht nur, wenn er mit einer Waffe bedroht wird. Bjarne Mädel spielt die Figuren sowohl in der Verfilmung "Sörensen hat Angst" (Bild) als auch in bislang drei sehr erfolgreichen Krimi-Hörspielen.

(Foto: Michael Ihle/NDR)

Nichts ist so populär in den Audiotheken von ARD und Deutschlandradio wie Krimihörspiele. Das setzt gerade viel Kreativität frei. Ein paar Empfehlungen.

Von Stefan Fischer

Die Leute wollen Morde hören: Die beliebtesten Inhalte der digitalen Audio-Plattformen in Deutschland sind Geschichten über Mord, Raub und Erpressung. "Hörspiele und Lesungen bilden die größte eigene Kategorie", sagt Thomas Müller, der seit einem Jahr Channel-Manager der ARD-Audiothek ist, verantwortlich für die bestmögliche Präsentation dessen, was die Landesrundfunkanstalten an Hörenswertem zuliefern. Die Audiothek selbst hat kein eigenes Budget für Produktionen. Rund 30 Prozent aller Abrufe dort entfallen laut Müller auf Fiktionales. Darunter wiederum seien Krimis und Thriller die Spitzenreiter. Auch beim Deutschlandradio ist unter allen digitalen Angeboten der Podcast Krimi Hörspiel "der mit Abstand meistgenutzte", so eine Sprecherin.

Eine der erfolgreichsten Krimi-Reihen der Öffentlich-Rechtlichen im Digitalen ist der Radio-Tatort, von dem es inzwischen rund 150 Folgen gibt. Ein Viertel davon steht aktuell in der ARD-Audiothek. Jede neue Ermittlung findet dort zwischen 70 000 und 120 000 Hörerinnen und Hörer. In den Dimensionen des Kultur- und Informationsradios sind das hohe Werte. Aktuell komme die ARD-Audiothek auf rund sechs Millionen Abrufe pro Monat, "wenn ein Beitrag also eine sechsstellige Zahl an Nutzern hat, ist das ein sehr guter Erfolg", sagt Thomas Müller, der in der Plattform noch ein großes Wachstumspotenzial sieht.

Speziell die Popularität von Krimis ist eine große Chance für ARD und Deutschlandradio, mit ihren Audiotheken ein noch breiteres Publikum zu erreichen - gegen die Podcast-Konkurrenz von Audible und Spotify. Dafür entwickeln die Sender neuerdings speziell für ihre digitalen Plattformen Krimi-Formate und kuratieren außerdem Klassiker, um sie als Streams oder Downloads präsentieren zu können.

Radiokrimis müssen nicht mehr zwingend nach 54 Minuten aufgeklärt sein

In diesen Tagen starten besonders viele Angebote. So haben der Bayerische Rundfunk und Deutschlandfunk Kultur gemeinsam den Achtteiler Alice produziert, in dessen Zentrum eine Frau steht, gespielt von Marleen Lohse, die Hiobsbotschaften überbringt. Und sich dabei selbst kompromittiert. Caroline Labusch wiederum kombiniert in Caro ermittelt, einer Produktion des RBB, True Crime mit Comedy. Zwei Fälle liegen zum Start vor, der erste streckt sich über drei Episoden, der zweite über zwölf. Einmal geht es um betrügerische Spam-Mails, das andere Mal um einen historischen Kunstraub. Brexit Blues schließlich ist der dritte Osnabrück-Krimi von Jan Decker, die ersten beiden Fälle der Trilogie, Fado fatal und Kalte Sophie, stehen ebenfalls in der ARD-Audiothek.

Dieses Reihenprinzip funktioniert auf einer digitalen Plattform besser als im linearen Programm, zu beobachten ist das auch an den bislang drei Sörensen-Krimis von Deutschlandfunk Kultur mit Bjarne Mädel in der Rolle eines von Angststörungen befallenen Kommissars. Immer, wenn ein neuer Fall veröffentlicht werde, stiegen auch die Abrufzahlen der vorherigen noch einmal, sagt Müller. Die in der nordfriesischen Provinz angesiedelten Fälle kämen zusammen auf rund eine halbe Million Abrufe. Das sind Hörerzahlen, die bei einer Ausstrahlung im linearen Programm bestenfalls die großen ARD-Anstalten BR, WDR, SWR und NDR oder eben die Wellen des Deutschlandradios erreichen.

Audiotheken sind aber nicht bloß ein alternativer und obendrein zukunftsweisender Vertriebsweg, sie beeinflussen auch die Inhalte und Formate des Genres. In den Nachkriegsjahrzehnten haben die Öffentlich-Rechtlichen häufig Reihen und Serien produziert. Von den Neunzigern an sei man davon jedoch abgekommen, erinnert sich Walter Filz, der beim SWR die Abteilung Künstlerisches Wort leitet: Jeweils eine Woche zu warten auf die Fortsetzung und erst nach zwei Monaten Mörder und Motiv zu kennen, "das hat sich irgendwann nicht mehr vermittelt."

Bastian Pastewka hat in den Archiven von Radio Bremen viel Staub aufgewirbelt

Insofern befreien die Audiotheken die Radio-Krimis von ihren Fesseln: Mehrteiler stehen dem Publikum auf einen Schlag komplett zur Verfügung. Die Hörerinnen und Hörer goutieren das, weshalb wieder vermehrt Serien und Reihen produziert werden. Dadurch könne auch, so Filz, das "seltsam limitierte Radioformat" von 54 Minuten aufgebrochen werden - die Krimisendeplätze im Hörfunk sind eine Stunde lang, von der noch die Zeit für Nachrichten und Anmoderation abgeht. In der Zeit bleibt selten Raum für mehr als die reine Krimihandlung, oder aber die Krimihandlung fällt dürftig aus, wenn das Hörspiel auch noch Charaktere entwickeln will. "Das Genre wird wieder reizvoller, wenn die Möglichkeiten vielfältiger werden", sagt Filz. Zu hören bei Alice, mit einer Gesamtlänge von 260 Minuten, unterteilt in acht unterschiedlich lange Episoden.

Die Entwicklung führt gleichzeitig zu einer Renaissance der Krimi-Klassiker. Mehrere Sender, darunter SWR und Deutschlandfunk Kultur, bieten Sammlungen älterer Krimis an, die zu einer Art Kanon gehören, beispielsweise von Francis Durbridge, Edward Boyd, Georges Simenon und Patricia Highsmith. Das ist mit einem bürokratischen Aufwand verbunden, weil die Rechte bei Autoren, Übersetzern, Regisseuren, Komponisten und Schauspielern eingeholt werden müssen. Doch es lohnt sich für die Sender, weil sie so eine große Nachfrage bedienen und dem Nutzungsverhalten der Hörer entgegenkommen. "Uns hilft es", sagt Thomas Müller, der Channel-Manager der ARD-Audiothek, "wenn auf der Plattform Marken entwickelt werden." Angesichts der Fülle der Inhalte sei es für Nutzer schwierig, den Überblick zu behalten. "Und wenn man dann etwas findet, das einem gefällt, und es ist nach einer Stunde schon wieder vorbei, ist das schade und auch frustrierend."

Zum Teil existieren diese Marken bereits. Von 1978 an hat der Rias die Professor van Dusen-Krimis inszeniert, das Deutschlandradio, in dem der Rias nach der Wende aufgegangen ist, hat die äußerst beliebte Reihe des Autors Michael Koser bis 1999 fortgesetzt. Dusen, genannt die Denkmaschine und gespielt von Friedrich W. Bauschulte, klärt in der Tradition seines Zeitgenossen Sherlock Holmes Kriminalfälle allein mithilfe seines scharfen analytischen Verstandes auf. Deutschlandradio Kultur hat angekündigt, alle 79 Hörspielfolgen in seiner und der ARD-Audiothek zugänglich zu machen. Aktuell sind ein Dutzend dieser Krimis abrufbar, weitere Folgen kommen sukzessive hinzu. Im linearen Programm mit gerade mal einem Krimisendeplatz pro Woche wäre es unmöglich, die komplette Reihe zu präsentieren.

Das charmanteste Retro-Format ist Kein Mucks!, präsentiert von Bastian Pastewka. Der erklärte "Fan des guten alten Dampfradios" hat das Archiv von Radio Bremen durchforstet nach Hörspielen aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren. Ehe die Radiokrimis selbst zu hören sind, die teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestrahlt wurden, erzählt Pastewka mit großer Leidenschaft von den Autoren, Regisseuren und Schauspielern, stellt Querverweise her, zeigt Entwicklungslinien auf, kapriziert sich auf Kurioses - so spannend und unterhaltsam wie die folgenden Mordermittlungen. Ursprünglich war Kein Mucks! auf zehn Folgen angelegt. Inzwischen ist die dritte Staffel gestartet.

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