Krimi Bleierne Moral

Korruption, Misstrauen, Zerrissenheit: Regisseur Alberto Rodríguez erzählt die Geschichte zweier verschwundener Mädchen in einer andalusischen Kleinstadt - und zeigt, wie Diktaturen Gesellschaften verändern.

Von Benedikt Peters

Ödnis überall: Jésus, gespielt von Salva Reina, wildert im spanischen Film „Mörderland“, um satt zu werden.

(Foto: Julio Vergne/dpa)

Filme, in denen es um den nicht ganz einwandfreien Zustand der Demokratie geht, schaut man in diesen Tagen ja mit einem leichten Erschauern. Die Rechtspopulisten sind nahezu überall in Europa auf dem Vormarsch. Sie bedrohen die liberalen Gesellschaftsmodelle, derer man sich eigentlich schon sicher war. Und sie verbreiten so größtes Unbehagen. Mörderland, der vielfach ausgezeichnete Film des spanischen Regisseurs Alberto Rodríguez, ist einer, der von diesem Unbehagen erzählt.

Er tut es auf subtile Weise. Der Zuschauer wird zurückversetzt in die spanische Provinz der frühen Achtzigerjahre. Der Diktator Francisco Franco ist seit fünf Jahren tot, das Land versucht, sich in eine Demokratie zu wandeln. Wie schwer das aber ist, das sieht man im Kleinen schon nach knapp fünf Minuten, als der Polizist Pedro Suárez (Raúl Arévalo) sein Hotelzimmer bezieht. An der Wand hängt ein Kruzifix, daran kleben Fotos, sie zeigen die Diktatoren Franco, Hitler und Mussolini. Pedro wirft das Kruzifix in eine Kommode.

Er ist mit seinem Kollegen Juan Robles (Javier Gutiérrez) aus Madrid in eine Kleinstadt in Andalusien geschickt worden, deren größte Ressource die Ödnis ist. Die Erde ist vor Trockenheit rissig, viele Bewohner leben in eilig gezimmerten Hütten. Manche gehen wildern, damit sie etwas zu essen haben. Franco scherte sich wenig um die Leiden der Landbevölkerung, er musste ja auch nicht von ihr gewählt werden.

In der Kleinstadt nun sollen Pedro und Juan einen grausamen Doppelmord aufklären. Carmen und Estrella, zwei Schwestern, 16 und 17 Jahre alt, sind spurlos verschwunden. "Sie wollten weg von hier. Wer will das nicht?", fragt eine Klassenkameradin. Doch die Schwestern sind nicht einfach ausgerissen, ihre Leichen werden bald in einem Wassergraben gefunden. Mit Brandwunden, abgeschnittenen Fingern, Spuren von Vergewaltigungen.

Wenn man dem Film etwas vorwerfen möchte, dann, dass die Handlung anfänglich etwas zäh in Gang kommt. Wer trotzdem dran bleibt, wird jedoch belohnt. Die große Stärke dieses Films, der im Original La Isla Minima heißt, ist nicht die packende Kriminalgeschichte, die sich nach und nach entspinnt, und in der das organisierte Verbrechen eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die menschlichen Abgründe der Einzelnen. Viel wichtiger ist, wie großartig es dem Regisseur Rodríguez gelingt, ganz nebenbei zu zeigen, was Diktaturen mit Gesellschaften machen.

Wieder und wieder laufen die beiden Polizisten bei ihren Ermittlungen gegen Wände. Eine Wand besteht aus der bleiernen Moral, die sich über die Kleinstadt gelegt hat, die besagt, dass es Mädchen mit kurzen Röcken und ausschweifendem Leben vielleicht nicht anders verdient hätten. Eine andere Wand besteht aus einem korrupten und ineffizient arbeitenden Polizeiapparat, der versucht, die Arbeit von Pedro und Juan zu behindern. Und vor allem ist da die große Wand des Misstrauens, das sich bei den Bewohnern in den vier Jahrzehnten unter Franco angesammelt hat. Sie vertrauen den Autoritäten nicht und wollen auch nicht mit ihnen zusammenarbeiten.

Selbst zwischen Juan und Pedro, die mit ihren mächtigen Schnauzbärten hervorragende Polizisten abgeben, spielt das Misstrauen eine große Rolle. Das liegt insbesondere an der dunklen Vergangenheit Juans. Er war Mitglied der Brigada Político-Social, "der Gestapo von Franco", wie jemand im Film sagt. Man nannte ihn "die Krähe", er soll Demonstranten erschossen und mehr als hundert Menschen gefoltert haben. Andererseits kämpft er nun unermüdlich dafür, den Mord an den Schwestern aufzuklären, und er rettet seinem Kollegen Pedro in der finalen Verfolgungsjagd das Leben. Javier Gutiérrez gelingt es, diese Zerrissenheit Juans exzellent zu verkörpern, er hat dafür zu Recht einen Goya gewonnen, den angesehenen spanischen Filmpreis.

Mörderland, Arte, Montag um 21.45 Uhr.