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Komödie:Thanatologen ante portas

Ein verrücktes Hörspiel von 2013 zum Wiederentdecken

Von Stefan Fischer

Ein Wackeln hier, ein Schwanken da - und doch wird es am Ende eine große Nummer, trotz der steten Gefahr, abzurutschen: Die Dramaturgie des Hörspiels Der sich langsam WIRKLICH etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thanatologen (2013) gleicht dem gekonnten Gang über eine Slackline. Die Nerven sind angespannt, die Konzentration ist hoch, und doch wirkt alles ganz leicht, ist akrobatisch und elegant.

Der Autor Nis-Momme Stockmann und das Musik- und Performance-Duo Les Trucs gehen mit ihrer Komödie in die Vollen - und haben doch ein gutes Gespür dafür, wie weit sie es treiben können mit ihren Übertreibungen. Damit die Geschichte schön komisch wird, mitunter absurd. Aber nicht albern.

Die Figuren wandeln an der Grenze zwischen Typen und Charakteren, die meisten von ihnen sind Thanatologen, Forscher also, die sich mit dem Tod beschäftigen. Sie sind zu einem Kongress zusammengekommen, um über ihre Wissenschaft zu debattieren. Im Fokus steht dieses Mal die Zukunft der Trauermusik. Ein trauriges Kapitel insofern, als es auf diesem Gebiet seit Jahrzehnten kaum neue Impulse gegeben hat. Das soll sich ändern. Les Trucs steuern dem Hörspiel entsprechend laute, rhythmisierte, teils blasphemische Trauersongs bei.

Die Inbrunst, mit der die Teilnehmer für ihre Sache streiten, wirkt auf Außenstehende kurios. Daraus resultiert ein Teil der Komik dieses Hörspiels: Da wird mit einem Ernst und mit einer Verbissenheit gestritten über Banalitäten oder Nebensächlichkeiten, da triumphiert ein Konkurrenzgehabe, dass man darüber nur lachen kann. Die Figuren - zu hören sind zehn Schauspieler in mehr als fünfzig Rollen - haben keine Distanz zu ihrem Denken und Handeln, in der Befassung mit dem Sterben sehen sie den einzigen Lebenssinn.

Als sie es dann rasch tatsächlich mit einem Toten zu tun bekommen, mit der Leiche jenes Mannes nämlich, dem sie alle in beruflicher oder privater Abhängigkeit verbunden waren, erweist sich ihr ganzes Fachwissen als Idiotentum. Stockmann und Les Trucs zerschmeißen lustvoll eine pseudowissenschaftliche Fassade, machen sich lustig über vermeintlich elitäre, letztlich aber bloß leerdrehende Diskurse. Der Umgang mit dem Tod ist auf diesem sich seltsam entwickelnden Kongress der Thanatologen eine extrem vitale Angelegenheit. Und am Ende ihrer akustischen Zirkusnummer zaubern die Autoren noch mehrere Kaninchen aus dem Hut.

Der sich langsam WIRKLICH etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thanatologen (2013), NDR Kultur, Mittwoch, 20 Uhr.

© SZ/tyc
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