bedeckt München 24°

Kolumnist der "Times":Rote Mappe

Chorley, 37, moderiert künftig eine Sendung für das neue "Times-Radio", das auch BBC4 Konkurrenz machen will. Seinen berühmten Blog "Red Box" füllen dann andere.

(Foto: The Times)

Matt Chorley hat viereinhalb Jahre lang die merkwürdigen Wendungen im Königreich in seiner viel gelesenen Kolumne gewürdigt. Nun wechselt er zum neuen Radio-Angebot der Zeitung. Das stellt ihn vor eine besondere neue Aufgabe.

Von Cathrin Kahlweit

Die alte Tante Times , die dem Medienmagnaten Rupert Murdoch gehört und als seriöse, aber nicht unbedingt revolutionäre Kraft auf dem britischen Zeitungsmarkt gilt, hat sich in den vergangenen Jahren den Luxus gegönnt, einen politisch schwer einzuordnenden, aber sicher nicht Tory-freundlichen und ziemlich respektlosen Kolumnisten zu beschäftigen.

Matt Chorley ist einer der Stars der Branche; sein täglicher Blog "Red Box" (so heißen die roten Mappen, in denen wichtige Regierungsdokumente transportiert werden) nahm mit großem Sprachwitz Freund und Feind hoch. Er teilte gegen die Prominenz aus und lachte mit den Lesern über besonders unfähige Vertreter des politischen Establishments, fand den Brexit offenkundig eher überflüssig und die Populisten-Truppe rund um Boris Johnson schwer gewöhnungsbedürftig.

Am vergangenen Freitag war sein letzter Arbeitstag in der alten Funktion; Esther Webber und Patrick Maguire werden von nun an einen der populärsten Blogs des Landes füllen. Chorley wechselt das Fach und moderiert demnächst eine Sendung auf Times Radio. Der Sender, der am 29. Juni als kommerzielle Konkurrenz zu BBC4 als Online-Version und App gestartet wird, soll das Times-Angebot erweitern. Gut möglich, dass Chorley mit seiner Morgensendung dabei auf Widerstände stößt, die ihm als Kolumnisten bisher erspart blieben - und das Schicksal der Kollegen von Konkurrenzmedien teilt, die von Downing Street geschnitten und boykottiert werden, weil sie zu kritisch fragen und das Kabinett nicht gut genug aussehen lassen.

Zum Abschied zeigte der 37-Jährige noch einmal, was er kann. Er hatte in der Ägide von Ex-Premierministerin Theresa May, Oppositionschef Jeremy Corbyn und der Hochphase des Brexitstreits, als man meinte, es könne im Land nicht noch mehr drunter und drüber gehen, den Slogan "This.Is.Not.Normal." zu seinem Erkennungszeichen gemacht und war auch mit einer Stand-Up-Show unter gleichem Namen aufgetreten. Seine Abschiedskolumne stand nun unter dem Titel "This.Was.Not.Normal.", und die Tour de Force durch seine viereinhalb Jahre "Red Box" zeigte beispielhaft, was das Königreich alles durchlebt und durchlitten hat. Dramen und Absurditäten, Chaos und Inkompetenz, Terror und Trauer, Krisen und Ultimaten, May und Meghan, Brexit und Boris, Corbyn und Corona - Chorley nennt das "the world upside down", die er den Lesern zu erklären versucht habe: zuhause, täglich ab fünf Uhr morgens, "in meinem Schlafanzug". Künftig wird er sich zum Arbeiten beim Radio etwas Anständiges anziehen müssen.

© SZ vom 15.06.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB