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Klatschjournalismus:Schlagzeile: "Was ist mit Jennys Busen los?"

Von außen wirkt die Beziehung zwischen Journalisten und Prominenten oft nicht so distanziert, wie es nötig wäre.

Ja, da stimme ich Ihnen zu. Das liegt aber nicht an einer tatsächlichen Nähe, sondern an den Themen, die im Klatschjournalismus verhandelt werden. In Interviews werden oft sehr intime Dinge besprochen. Ich habe schon Sachen erzählt bekommen, über die würde ich nicht mal mit meiner besten Freundin sprechen: Fremdgehen, Suchtprobleme, Trauer, Krankheiten. Dadurch kann bei manchen Lesern der Eindruck entstehen, dass sich da jemand mit einer Sache gemein macht. Aber das ist ein professioneller Deal: Die Prominenten erhoffen sich durch das Preisgeben privater Geheimnisse Publicity, der Interviewer eine gute Geschichte. Es ist eine déformation professionelle, genau diese Nähe zu suggerieren. Die Nähe im Klatschjournalismus ist nur gelegentlich ein Problem, ich glaube, sie ist eher ein Anfängerproblem.

Sie haben die sehr privaten Dinge wie Beziehungsprobleme oder Erkrankungen angesprochen, die Prominente in manchen Interviews, ob nun absichtlich oder unabsichtlich, ausplaudern. Welche Tabus und Grenzen muss guter Klatschjournalismus achten?

Man muss sich jede Geschichte absichern lassen. Da gilt die Nachricht aus erster Hand oder das Vier-Augen-Prinzip - mindestens. Ein Beispiel: Auf einer Party bin ich mal mit einer Schauspielerin ins Gespräch gekommen und habe nur ganz harmlos gefragt, ob es ihr nicht gut gehe. Da brach es aus ihr heraus und sie erzählte mir, dass sie zwei Wochen zuvor eine Krebsdiagnose bekommen hatte. Grundsätzlich eine Hammergeschichte für einen Klatschjournalisten. Aber wenn man so etwas korrekt behandeln will, dann muss man am nächsten oder übernächsten Tag nochmal beim Management oder der Dame persönlich anrufen und um Autorisierung bitten. Bei so einer, für die Person nicht nur gesundheitlich, sondern auch beruflich folgenreichen Geschichte, könnte man sogar überlegen, der Schauspielerin den Artikel vor der Veröffentlichung vorzulegen.

Dr. Bettina Hennig

Dr. Bettina Hennig, Klatschjournalistin und -forscherin

(Foto: Omid Najafi)

Werden die Protagonisten von Klatschgeschichten auch dann mit den Ergebnissen einer Recherche beziehungsweise mit Vermutungen konfrontiert, wenn es nicht um eine lebensbedrohende Krankheit geht?

Im Idealfall, der auch der Normalfall sein sollte, ja. Auch hierzu ein Beispiel. Jenny Elvers hat seinerzeit Nacktfotos für die Zeitschrift Max machen lassen und man konnte sofort sehen: Die hat sich den Busen straffen lassen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, diese Geschichte zu präsentieren. Zum einen könnte man die Veränderung mit Vorher-Nachher-Fotos und der Überschrift "Was ist mit Jennys Busen los?" belegen. Fragezeichengeschichten sind zwar nie perfekt, aber so kann der Leser für sich selbst entscheiden. In meinem Fall war es so, dass ich mit Jenny Elvers schon vorher ganz gut bekannt war und ihre Handynummer hatte. Also habe ich angerufen und gesagt: "Du, Jenny, mir ist da was aufgefallen."

Persönliche Bekanntschaft mit den Protagonisten ist im Klatschjournalismus entscheidend?

Unbedingt. Deshalb rate ich Anfängern auch immer dazu, auf viele Termine und Partys zu gehen, Kontakte zu knüpfen, sich bei den Leuten in Erinnerung zu bringen. Auch wenn nicht direkt eine Geschichte dabei herausspringt, wird gutes Netzwerken irgendwann ein großer Vorteil sein.

Und wie ging die Geschichte mit Jenny Elvers aus?

Sie hat einem Interview zugestimmt. Dabei hat sie aber nicht zugegeben, dass sie beim Schönheitschirurgen war, sondern gesagt, "Mein Busen ist so echt, wie der von ...", und dann diverse andere Frauen geoutet, die sich auch den Busen hatten machen lassen. Für mich war das natürlich eine großartige Geschichte und ihr hat es ein bisschen Publicity gebracht - eine Win-Win-Situation.

© SZ.de/jobr/rus

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