Klassik und Radio Zarter Kontakt

Geigenspieler des Rundfunkorchesters: Als der Intendant das Ensemble abschaffen wollte, bekam der die militante Wut der Klassik-Fans zu spüren.

(Foto: Robert Haas)

Klassische Musik ist eine teure Angelegenheit, die jenseits ihrer Anhängerschaft als kompliziert und elitär wahrgenommen wird. Genau deswegen ist der Rundfunk für die Klassik wichtig: Er ist für Unbeleckte die billigste Art des Kennenlernens. Die Abschiebung ins Digitale, wie vom Bayerischen Rundfunk geplant, ist unverständlich und teils Realsatire.

Ein Kommentar von Reinhard J. Brembeck

Wer einmal der klassischen Musik verfallen ist, der braucht seine tägliche Dosis Bach oder Xenakis, Ockeghem oder Beethoven, Rihm oder Dowland. Das scheint dem Fan die selbstverständlichste Sache auf der Welt zu sein. Deshalb reagieren Klassikfreunde auch mit Unverständnis auf all jene, denen klassische Musik nichts sagt; die ihr nichts abgewinnen können, die sie altmodisch oder anstrengend finden, die sich dabei langweilen oder sie überbewertet finden. Vollends aufgebracht werden Klassikfans durch Menschen, die sich an diesem Biotop vergreifen. Dann können die Musikfreunde eine geradezu militante Wut entwickeln.

Die bekam Thomas Gruber, bis 2011 Intendant des Bayerischen Rundfunks, zu spüren, als er das Rundfunkorchester abschaffen wollte. Ähnliches erleben derzeit Ulrich Wilhelm, Grubers Nachfolger beim BR, sowie dessen Kollege Peter Boudgoust beim SWR. Boudgoust möchte aus seinen beiden Orchestern eines machen, die nicht nachlassenden Proteste gipfelten in einem Brief, den 160 Dirigenten unterschrieben haben. Wilhelm dagegen möchte seinen Klassikkanal nicht mehr auf UKW, sondern digital senden, um der bisher vernachlässigten Jugend endlich ein Forum bieten zu können.

Gegen diesen Plan sammelte der Bayerische Musikrat mehr als 50 000 Unterschriften, sogar BR-Rundfunkräte machen dagegen öffentlich Front. Diese massiven Proteste erwecken den Anschein, als stünde der klassischen Musik in Deutschland das letzte Stündlein unmittelbar bevor. Dem aber ist nicht so, es geht ihr besser denn je. Es gibt sehr viel mehr Hörer als noch vor 40 Jahren, viele Kommunen und Sender leisten sich trotz enormer Sparzwänge noch immer Orchester, Festivals, Konzerthäuser, und deren Intendanten werben wie die Weltmeister um ein neues, vorzugsweise junges Publikum.

Mehr als nur angenehme Unterhaltung

Verglichen mit allen anderen Ländern der Welt ist das eine privilegierte Situation. Deshalb stoßen die Klassikfreunde mit ihrem Geklage von wegen Kulturverfall, Klassikfeindlichkeit der Gesellschaft, Vernachlässigung durch Schulen und desinteressierte Politiker meist auf nicht allzu viel Verständnis beim Rest der Bevölkerung. Nicht von ungefähr hat die klassische Musik deshalb ein gewaltiges Imageproblem. Sie gilt jenseits ihrer Community als elitär, kompliziert, arrogant. Dieses Image bedroht die öffentliche Finanzierung von Klassikinstitutionen, zumal klassische Musik oft nicht mehr als das erhabene Privatvergnügen einer finanzstarken Peergroup zu sein scheint.

Aber klassische Musik ist eben sehr viel mehr als nur angenehme Unterhaltung. Zumindest ihre Meisterwerke zählen zum Grandiosesten, was je von Künstlern geschaffen wurde. In der abstrakten Welt der Klänge haben sie enorm verdichtete und oft äußerst umfangreiche Gebilde ersonnen, zu denen es in anderen Musikrichtungen nichts Vergleichbares gibt. Das intellektuelle Durchdringen dieser Stücke spielt allerdings im gängigen Diskurs kaum eine Rolle.

Klassikhörer gegen Jugendliche ausgespielt

Dadurch, dass der BR den Klassik-Kanal abschieben und nur mehr mit neuen Digitalradios empfangbar machen will, verfestigt er das Negativklischee vom typischen Klassikhörer: alt, finanziell gut gestellt, einer Minderheit angehörend und ganz seiner Passion verfallen. Diese Menschen, so das Kalkül, werden sich selbstverständlich digitale Radios für daheim wie fürs Auto kaufen. Dem bisher als Stiefkind behandelten digitalen Radio soll so zum Durchbruch verholfen werden; das ist Realsatire. Noch schlimmer ist, dass damit Klassikhörer gegen Jugendliche ausgespielt werden.

Letztlich ist es unverständlich, warum der BR seine fünf UKW-Wellen nicht grundsätzlich reformiert, sodass für alle etwas dabei ist. Wenn es dem Sender so wichtig ist, sowohl Jugendliche als auch Klassikfans anzusprechen, dann muss er sein ganzes Programmschema ändern und seine fünf UKW-Sender gezielt auf diese Gruppen ausrichten. Er soll ja möglichst viele Hörer erreichen und nicht nur Minderheiten. Zumal der BR ja auch viel Geld ausgibt für zwei Orchester und einen Chor. Falls der BR also der Auffassung ist, klassische Musik solle eine zentrale Rolle in Deutschland spielen, muss er sich für die allgemeine Verbreitung dieser nicht einfach zugänglichen Musik einsetzen.

Gewiss: Klassische Musik ist eine teure Angelegenheit. Es gibt viele Menschen, die sich Instrumente, Musikunterricht und Aufführungsbesuche kaum leisten können. Für die ist der Rundfunk unersetzbar. Und für alle, die ihre Probleme mit der klassischen Musik haben oder sie nur gelegentlich hören, ist der Rundfunk die billigste und unverfänglichste Möglichkeit zu einer ersten zarten Kontaktaufnahme.