Kisch-Preis-Aberkennung Seehofer kritisiert Jury

Erst wurde ihm der Kisch-Preis verliehen, dann wieder aberkannt. Nun nimmt ausgerechnet Horst Seehofer, Protagonist in dem umstrittenen Text, den Autor vom Spiegel in Schutz - dabei kommt er in dem Porträt gar nicht gut weg.

Von Mike Szymanski

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer hat den Spiegel-Redakteur René Pfister in Schutz genommen. Pfister war an diesem Montag der Henri-Nannen-Preis für die beste deutsche Reportage 2010 aberkannt worden, weil er in seinem Porträt über Seehofer ("Am Stellpult") eine Szene im Ferienhaus des Politikers entwirft, die er persönlich nicht erlebt hatte. Aus Sicht von Seehofer ist die Entscheidung der Jury, Pfister den Preis zu entziehen, überzogen. "Viel Falsches in den Medien wird nicht geahndet, und hier wird das Richtige falsch geahndet", sagte Seehofer der SZ an diesem Donnerstag.

"Das Richtige falsch geahndet": Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nimmt Spiegel-Autor René Pfister in Schutz.

(Foto: dapd)

Die Spiegel-Chefredaktion und frühere Preisträger kritisierten, dass ein Kollege unverhältnismäßig hart bestraft werde. "Es ist nicht alles angenehm für mich, was in dem Text steht", sagte Seehofer nun, "aber die Informationen sind richtig. Ich kann nicht sagen, dass Pfister Unwahrheiten geschrieben hat." Das hatte die Jury aber nie behauptet.

Pfisters Porträt beginnt mit eindringlichen Schilderungen aus dem Hobby-Keller des CSU-Politikers. Dort stellt Seehofer sein politisches Leben auf einer Spielzeugeisenbahn nach. Es konnte der Eindruck entstehen, Pfister sei mit Seehofer im Keller gewesen, auch wenn Pfister das in seinem Text nicht behauptet.

Dass er seinen Standpunkt nicht klarstellte, war ein Fehler. Er hätte deutlich machen müssen, dass ihm Seehofers Märklin-Welt nur vom Hörensagen vertraut ist. Dort drehe, schreibt Pfister zum Beispiel, Kanzlerin Angela Merkel als kleine Plastikfigur in einer Diesellok ihre Runde. Seehofer erzählte allerdings an diesem Donnerstag, dass die Figur, auf die er ein offenbar kleinkopiertes Porträtfoto Merkels klebte, aus Holz sei.

Kann sein, dass selbst Seehofer sich irrt. Kann sein, dass er einmal von Plastik sprach, dann wieder von Holz. Wäre Pfister, 37, im Keller gewesen, wüsste er es genau, wüssten es auch die Leser genau. Doch er verfasste ein Porträt, formte aus vielen Gesprächen das Psychogramm eines Politikers, für das er sich auf die Kunst der szenischen Rekonstruktion verließ. Eine Reportage jedenfalls ist sein Stück nicht.