Zeitungskioske in Spanien:Das Büdchen für Millennials

Lesezeit: 4 min

Good News Kiosk

"Die Kioske müssen sich neu erfinden, damit sie nicht sterben", sagt Lucas de Gispert, einer von fünf jungen Gründern der Marke "Good News".

(Foto: Brutus Media/GoodNews)

Fünf Spanier aus Barcelona versuchen eine Branche zu retten, die seit Jahren im Sterben liegt. Mit ihrem Konzept "Good News" wollen sie den Zeitungskiosk wieder attraktiv machen.

Von Karin Janker

Die Idee entstand an einem Zeitungskiosk, wo sonst. Es war 2020, während der ersten Welle der Corona-Pandemie in Barcelona, als man während der strengen Ausgangssperre je nach Altersgruppen nur zu einer bestimmten Tageszeit die Wohnung verlassen durfte. Ein paar Minuten Spaziergang zur körperlichen Ertüchtigung waren erlaubt, außerdem der Gang zum Supermarkt, zur Apotheke und, natürlich, zum Zeitungskiosk.

"Wir trafen uns dort, standen ein wenig zusammen, unterhielten uns", erzählt Lucas de Gispert. Bald habe er sich gefragt, wie es wohl wäre, wenn man am Kiosk auch guten Kaffee bekäme, sagt der 28-Jährige. Wenn ein Zeitungskiosk nicht nur ein Ort wäre, an dem man an normalen Tagen vorbeihetzt auf dem Weg zur U-Bahn. Sondern einer, der den Alltag ein wenig schöner macht. So entstand die Idee von "Good News". Lucas de Gispert ist einer der fünf Gründer der Marke, die einer Neuerfindung des traditionellen spanischen Zeitungskiosks gleichkommt.

Eines fällt gleich auf, wenn man durch Barcelonas Straßen geht: Die Kioske von "Good News" sehen anders aus als andere Zeitungskioske in spanischen Städten. Die salbeigrüne Markise mit dem weißen Schriftzug, das helle Holz, die aufgeräumten Regale und natürlich der freundliche Smiley, das Markenzeichen von "Good News". Verkauft werden nicht zuckrige Softdrinks und Tortilla-Chips, sondern Kombucha, fair gehandelte Haferriegel und Bio-Kaffee. Die einzige Gemeinsamkeit sind die Zeitungen und Zeitschriften in der Auslage. Aber auch hier unterscheidet sich das Sortiment: Bei "Good News" liegen neben der Tagespresse keine Sudoku-Heftchen, sondern die Lifestyle-Magazine Art & Décoration, die Vogue und Monocle. Schon klar: Hier wird ein junges, urbanes Publikum angesprochen. Eben jene Leute, die an anderen Kiosken üblicherweise nur vorbeihetzen. Nur: Wie bekommt man die Millennials dazu, an einem Zeitungskiosk anzuhalten?

Wer gute Nachrichten auf Lager hatte, bekam den Kaffee zum halben Preis

"Good News will gute Laune ins Viertel bringen", sagt Lucas de Gispert. Der junge Jurist und vier seiner Freunde machten noch im Sommer 2020 ernst mit ihrer Idee: Sie übernahmen ihren ersten Kiosk - die Anzahl der Zeitungskioske wird in Spanien durch Lizenzvergabe geregelt - und dekorierten ihn nach ihren Vorstellungen um. Als sie alles entrümpelt hatten, war sogar noch Platz für eine Topfpflanze im Inneren. Und sie ließen sich eine Werbekampagne einfallen, die offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt kam: Jeder, der dem Verkäufer eine gute Nachricht erzählte, erhielt seinen Kaffee zum halben Preis.

Der Großvater, der Covid überlebt hatte. Der neue Job. Die erste gemeinsame Wohnung mit der Freundin. Anna, die Verkäuferin im Kiosk an der Avinguda Diagonal in Barcelona, erinnert sich bis heute an einige der Geschichten, die die Kunden ihr damals erzählten. Aus manchen von ihnen wurden Stammkunden. Viele kämen täglich für ihre Zeitung und einen Kaffee, nicht nur Millennials, sondern auch die Anzugträger aus den umliegenden Büros. Inzwischen gibt es neun Kioske in Barcelona und drei weitere in Madrid.

Das Konzept scheint zu funktionieren. Dabei setzt "Good News" auf eine Branche, die seit Jahren im Sterben liegt. Seit dem 19. Jahrhundert war der Zeitungskiosk eine Institution in Spanien. Doch seitdem das Nachrichtenlesen vor allem am Bildschirm passiert, leidet die Branche. Der Verband der Kioskbesitzer ANVP rechnet vor, dass die Dichte an Zeitungskiosken in Spanien von Jahr zu Jahr abnehme. Viele Besitzer geben auf oder finden keinen Nachfolger mehr. Die Zeiten, in denen ein Kiosk von Generation zu Generation weitervererbt wurde, sind vorbei.

In der Pandemie wurde der Kiosk wieder zum Mittelunkt des Viertels

"Die Kioske müssen sich neu erfinden, damit sie nicht sterben", sagt Lucas de Gispert. Aber natürlich sei quiosquero ein harter Job. Die sprichwörtliche schlechte Laune, die dem Berufsstand in Spanien nachgesagt wird, könne er jedenfalls nachempfinden. "Die quiosqueros sind diejenigen, die morgens als erstes auf den Straßen sind und abends als letzte zusperren", sagt de Gispert. Eingeschlossen in ihren zehn Quadratmeter großen Büdchen trotzen sie im Sommer der Hitze und im Winter der Kälte. "Da kann man schon mal schlechte Laune kriegen."

Die jungen Gründer von "Good News" wittern dennoch Potenzial in der spanischen Kioskkultur. Während der Pandemie seien die Kioske für viele Menschen überlebenswichtig geworden, sagt Lucas de Gispert. Weil viele andere Aktivitäten nicht möglich waren, kam den Kiosken plötzlich wieder jene Funktion zu, die sie vor dem Aufkommen der Sozialen Medien hatten: Hier traf man sich, plauderte, erfuhr die neusten Nachrichten. Und ja, man kaufte dort auch seine Tageszeitung. Abonnements spielen in der spanischen Presselandschaft seit jeher eine untergeordnete Rolle. Gerade die ältere Generation stattet dem Zeitungskiosk an der nächsten Straßenecke üblicherweise jeden Morgen einen Besuch ab und holt sich dort ihr Stammblatt. Aber auch als Abonnent hat man die Wahl, ob man seine Zeitung im Briefkasten haben will oder sie sich lieber am Kiosk abholt.

Die Branche sieht daher nicht zu Unrecht ihre größte Bedrohung in den Digitaloffensiven der Zeitungen. Spaniens quiosqueros fürchten, dass ihnen noch mehr Kundschaft verloren geht, wenn immer mehr Menschen Digitalabos abschließen. Im laufenden Jahr machen Presseerzeugnisse nur noch 50 Prozent des Umsatzes an Spaniens Kiosken aus. Im Jahr 2012 waren es noch 90 Prozent, meldet der Branchenverband ANVP. Die Gründer von "Good News" haben indes hier auch eine gute Nachricht parat: Der Absatz von Zeitungen und Zeitschriften habe sich an ihren Kiosken im Vergleich zu früher verdoppelt. Was so ein bisschen weiße Farbe und gute Laune doch bewirken.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusPro Sieben, Sat 1 und Joyn
:"Die Faszination liegt darin, dass sich der Zuschauer am Fehlverhalten ergötzen kann"

Pro Sieben glänzt, Sat 1 kämpft. Was heißt das für die Zukunft der Sender? Wolfgang Link, Vorstand des gemeinsamen Medienhauses, über eine eigene Nachrichtenredaktion, den Streamingdienst Joyn und die Frage, warum es immer noch Reality-Formate braucht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB