bedeckt München
vgwortpixel

Kinderfernsehen:Mach mit, mach's nach, mach's besser

Thema: 1000. Sendung 'Tigerenten Club' mit den Ehrlich Brothers und Max Giesinger 1

Den Tigerenten Club gab es schon, als man ihn noch nicht auf dem Handy ansehen konnte. In der vergangenen Woche feierte er die 1000. Sendung.

(Foto: Markus Palmer/SWR)

Kinder schauen immer mehr Videos im Netz. TV-Kanäle für junge Zuschauer merken davon noch nichts, das dürfte sich aber ändern. Jetzt rüsten sich die Sender fürs Digitale.

Kinderfernsehen hatte einmal feste Zeiten. Sonntags um halb zwölf vor dem Mittagessen Die Sendung mit der Maus. Samstagnachmittags und später vormittags der Tigerenten Club (von dem gerade die 1000. Sendung lief). Und jeden Abend um kurz vor 19 Uhr Das Sandmännchen, für die größeren Kinder stattdessen Galileo. Doch wie die erwachsenen Zuschauer immer seltener zur Primetime vor dem Fernseher sitzen, nutzen auch Kinder immer mehr Kanäle wie Youtube, Streamingdienste oder Mediatheken, um Filme und Serien zu sehen. Die Sendung mit der Maus erzielte 2016 online fast zwei Millionen Video-Abrufe im Monat - mehr als zweieinhalb Mal so viele wie noch vor zwei Jahren.

Einer Umfrage von Forsa und der Streaming-Plattform Zattoo zufolge nutzt etwa jeder zweite Deutsche bereits Internet-TV-Angebote. Besonders die Anbieter von Streaming-Abos wie Netflix und Amazon entdecken dadurch eine neue Zielgruppe: die Kinder ihrer Abonnenten. Immer öfter haben Kinder eigene Profile im Abo-Konto ihrer Eltern. Bei Netflix sehen nach Unternehmensangaben etwa die Hälfte der 86 Millionen Abonnenten mindestens einen Kinder-Titel pro Woche.

All das müssten eigentlich schlechte Nachrichten für die klassischen Kinderfernsehsender sein. Aber die nehmen es gelassen, noch jedenfalls. "Im Moment zumindest bemerken wir die Konkurrenz aus dem Internet noch nicht", sagt Claude Schmit, Geschäftsführer von Super RTL. Mit einem Marktanteil von aktuell 20,7 Prozent ist der Sender nach einem Jahr auf dem zweiten Platz wieder Marktführer bei der Zielgruppe. "Kinder sehen im Moment 82 Minuten lineares Fernsehen am Tag. 2014 waren es noch 88, aber wir sehen keinen massiven Einbruch." Länder wie Schweden und Finnland verzeichneten aber bereits Rückgänge um die 20 Prozent. "Auf Dauer werden wir uns in Deutschland dem Trend nicht entziehen können", sagt Schmit.

Bereits 2014 musste sich Super RTL neu positionieren. Zuvor stammten 30 Prozent des Tagesprogramms von Super RTL aus dem Hause Disney, plötzlich liefen dieselben Formate auf dem vom Pay-TV ins Free-TV gewechselten Disney Channel, und Super RTL verlor Marktanteile. Inhaltlich setzt der Sender seitdem auf Nostalgie-Serien wie Tom und Jerry, und von dem kommendem Jahr an auch auf eine Nostalgie-Show: Gerade wird an einem Remake des Super Toy-Club gearbeitet. Die Spielshow lief von 1999 bis 2005 und erreichte teilweise 30 Prozent Marktanteil bei Kindern. Um sich vom Disney Channel und Nickelodeon abzusetzen, produziert Super RTL außerdem mehr Serien-Adaptionen mit Kinofiguren wie den Gestiefelten Kater mit dem Comic-Kater aus dem Kinofilm Shrek und Wissensmagazine wie Einfach tierisch.

Die Mediennutzungsdauer nimmt zu - die Sender sehen das als Chance, ihr Angebot auszubauen

Auf Nachfrage betonen die vier großen Kindersender - neben Super RTL und Disney Channel sind das Nickelodeon und der Kika von ARD und ZDF, der bei den Marktanteilen in den meisten Jahren den zweiten Platz hinter Super RTL belegt -, dass das klassische Fernsehen nach wie vor das Leitmedium sei. In Deutschland würden schließlich immer noch 90 Prozent der Bewegtbild-Inhalte über das klassische Fernsehen konsumiert. Streamingdienste nehmen dem klassischen Fernsehen zumindest im Moment noch nicht viele Zuschauer weg - die Leute schauen einfach insgesamt mehr Videos an, und zwar sowohl Kinder wie Erwachsene. Das spiegelt sich auch in der Mediennutzung insgesamt wieder: Von 2010 bis 2015 stieg sie von 403 Minuten pro Tag auf 435 Minuten. Darin sehen die Sender eine Chance und bauen ihre Online-Angebote aus.

"Die Zeit, in der sich Kinder mit unseren Formaten online beschäftigen, steigt kontinuierlich an", sagt Lars Wagner, Senderchef des Disney Channel. Der Sender startete gleichzeitig mit dem Fernsehkanal eine Mediathek und sendet im Livestream, unter anderem in einer App, die bisher 2,6 Millionen Mal heruntergeladen wurde. In der Mediathek verzeichnet der Sender 14 Millionen angesehene Videos im Monat. Zum Vergleich: 2016 sahen durchschnittlich 0,05 Millionen Drei- bis 13-Jährige das Tagesprogramm des Disney Channel.

Auch andere Kinderfernsehanbieter haben ihr Angebot im Netz ausgebaut. Der Kika hält auf seiner Homepage eine eigene Mediathek zum zeitversetzten Zuschauen und einen eigenen Youtube-Kanal bereit; Super RTL startete im vergangenen Jahr das kostenpflichtige Streaming-Portal Kividoo mit Filmen, Serien und Hörbüchern.

Anders als bei Portalen wie Netflix, die Angebote für Kinder als ein Genre von vielen behandeln, sind bei Kividoo oder auch der "Sky Kids App" von Pay-TV-Anbieter Sky auch die Benutzeroberfläche und Bedienung für Kinder entwickelt. Die meisten Portale lassen die Eltern festlegen, wie lange die Kinder am Tag gucken können oder bieten Jugendschutz-Sperren an, was einer Studie des Streamingdienstes Maxdome zufolge 85 Prozent der Eltern sogar noch wichtiger ist als zeitliche Flexibilität.

Die Redaktionen bemühen sich, das Fernsehen zu festen Uhrzeiten weiter relevant zu halten

Es gibt viele Überlegungen, wie man das lineare Fernsehen für Kinder weiter relevant halten könnte. Zum Beispiel, indem man fixe Termine schafft wie einst. "Etwa mit Formaten, die man live sehen muss, weil sie Interaktionspotenzial bieten, oder weil am nächsten Tag in der Schule darüber gesprochen wird, wie bei Casting- oder Coaching-Shows", sagt Super-RTL-Programmdirektor Carsten Göttel. Anfang des Jahres startete der Sender die Castingshow Die Puppenstars und kündigte vor Kurzem eine zweite Staffel an.

Eine andere Idee bei Super RTL sind Formate, bei denen man die Entwicklung der Helden live miterleben muss, wie in Chuck's Choice: Bei der Serie, die im kommenden Jahr startet, werden zwei Enden im Fernsehen, ein drittes online ausgestrahlt. Noch sind die Online-Angebote keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum Linearen.

Fragt man bei Super RTL nach inhaltlichen Neuerungen, betont man dort mehrmals das Remake der 17 Jahre alten Show Super Toy-Club. Vielleicht, weil Serien wie die Gilmore Girls Neuauflagen gerade wieder chic gemacht haben. Vielleicht aber auch, weil der Super Toy-Club eine Hommage ist an eine Zeit, in der Kinderfernsehen noch keine Konkurrenz hatte.