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Kinderchor singt über "Umweltsau":Alle gegen Oma?

Symbolbild Chor

In der Version von WDR 2 endet das Lied "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" mit dem Refrain: "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau". Symbolbild

(Foto: David Beale/Unsplash)

Der WDR beauftragt seinen Kinderchor mit einer Satire - und sorgt für Ärger. NRW-Ministerpräsident Laschet übt Kritik, Intendant Buhrow entschuldigt sich "ohne Wenn und Aber".

Allein Jan Böhmermann hat diesem Ereignis bis Sonntagnachmittag gut 30 Tweets und Retweets gewidmet. Spätestens seit seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan ist der ZDF-Moderator ein Experte in der Diskussion: Was darf Satire? Die erlebt gerade eine unverhoffte Renaissance. Anlass ist ein Kinderchorlied des Westdeutschen Rundfunks, das einen Shitstorm in den sozialen Medien ausgelöst hat. Für Intendant Tom Buhrow, der in wenigen Tagen den ARD-Vorsitz übernimmt, und seinen Sender ist die Sache ein Image-Desaster - nach innen wie nach außen.

Was ist passiert? Der WDR-Kinderchor, der bislang eher für Singveranstaltungen mit der orangefarbenen Maus bekannt war, hat eine Satire-Version des Kinderliederklassikers "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" eingesungen. Es sei eine "2019-Fridays-for-Future-Version", so wurde der Song am Freitag noch im WDR2-Radio anmoderiert. Zudem postete der Sender ein Video auf Facebook.

Die Großmutter im Lied fährt noch immer Motorrad, sie hat aber auch einen SUV und Kreuzfahrten mag sie auch. Allzu weit ist das eigentlich gar nicht hergeholt im Jahr 2019. Dass die etwas mehr als 30 Kinder zwischen neun und 13 Jahren aber im Refrain fröhlich "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" singen, das geht vielen im Publikum zu weit. Einige reagierten derart emotional, dass der WDR eigenen Angaben zufolge "bösartige Hassdrohungen und Beschimpfungen" erhielt. Die Absicht "des Autors und der Redaktion war, den Generationenkonflikt bei der Fridays-for-Future-Bewegung satirisch darzustellen", teilt der WDR mit. Das gelang offenbar eher nicht.

Mit einer Sondersendung nach den 18-Uhr-Nachrichten am Samstagabend reagierte der WDR 2-Programmchef Jochen Rausch auf die Kritik. Er habe "einen Fehler gemacht", räumt er ein und kündigte intensive Nachbearbeitung an. "Ich glaube, der Auslöser ist letztendlich dieser Terminus ,Umweltsau' - und der passt auch für mich nicht in unser Programm", sagt er im Gespräch mit Hörern, die per Telefon zugeschaltet waren. Schließlich meldete sich der WDR-Intendant Tom Buhrow in der Sondersendung: "Das Video mit dem verunglückten Oma-Lied war ein Fehler und ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür." Er sei am Krankenbett seines 92-jährigen Vaters, der keine "Umweltsau" sei.

Auch die schnelle und maximale Distanzierung Buhrows von seiner Redaktion ist in der Kritik

Einer der Hauptvorwürfe, mit denen sich der Sender konfrontiert sieht, lautet, die Kinder seien instrumentalisiert worden. Es fehle zudem an mangelndem Respekt gegenüber Älteren, schrieben Facebook- und Twitter-Kommentatoren, zunächst vor allem auch solche aus dem rechten Spektrum, die zur Generalkritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausholten.

Der prominenteste Kritiker des Satire-Lieds, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, hob die Diskussion mit seinen Tweets am Samstag dann auf die Fallhöhe einer Landeskrise an. "Die Debatte um den besten Klimaschutz wird von manchen immer mehr zum Generationenkonflikt eskaliert", schrieb er. Der WDR habe "Grenzen des Stil und des Respekts gegenüber Älteren" überschritten. "Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel." Ein Mitglied des Rundfunkrats, der FDP-Politiker Thomas Nückel, erklärte in einem mit allerlei Schreibfehlern gespickten, wütenden Twitterpost, Satire dürfe nicht in die "Gefahrenzone von Hetze" geraten. Und: "Kinder für Belehrungswahn zu instrumentalisieren, ist unterirdisch."

Diesen Vorwurf weist der WDR Kinderchorleiter Zeljo Davutovic von sich, denn der Chor hat sich das Lied nicht selber ausgedacht. Text und Lied seien als Anfrage an den Chor aus der WDR 2-Redaktion gekommen. Kinder und Eltern hätten freiwillig entscheiden können, an dem Projekt mitzuwirken, schreibt Davutovic in einer Stellungnahme auf der Webseite des WDR-Kinderchors Dortmund, der seit 2017 an Produktionen mit dem Rundfunkchor und dem Funkhausorchester mitwirkt; Neun- bis 13-Jährige "aller Schulformen und Sozialschichten" im Ruhrgebiet proben laut Webseite des Chors dort zweimal pro Woche und erhalten zudem auch Einzelunterricht. "Es gab keinen Zwang und es wurde niemand instrumentalisiert", betont Leiter Davutovic. Den Kindern sei erklärt worden, dass die Parodie "mit Überspitzung und Humor den Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn nehmen" wolle. Es gehe nicht allein um Großmütter, "sondern um uns alle. Hier schließe ich mich persönlich ein." Er entschuldige sich bei allen, die sich trotz der Einordnung als Satire angegriffen gefühlt hätten.

Bereits Freitagabend hatte der WDR das Video vom Chorgesang gelöscht. Die öffentliche Debatte um einen Generationenkonflikt in der Klimadebatte ging indes das Wochenende über weiter. Aber auch die schnelle und maximale Distanzierung Buhrows von seiner Redaktion ist Thema in der Kritik. Vom Nebenschauplatz aus meldeten sich auch Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung, doch auch hier war man sich nicht einig in der Bewertung. "Sind wir dann mit der #Umweltsau Diskussion fertig und können weiter Lösungen für die #Klimakrise suchen?", schrieb etwas entnervt Fridays for Future Ludwigsburg.

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