Kiffer-Serie "High Maintenance":Gekifft wird nebenbei

Kiffer-Serie "High Maintenance": Heléne Yorke (l.) und Max Jankins spielen in "High Maintenance" ein koksendes Paar, das mit Marihuana von den durchfeierten Nächten runterkommen will.

Heléne Yorke (l.) und Max Jankins spielen in "High Maintenance" ein koksendes Paar, das mit Marihuana von den durchfeierten Nächten runterkommen will.

(Foto: Janky Clown Productions)

Tupperdose voller Grasbeutelchen: Die Webserie "High Maintenance" folgt einem Dealer zu seinen Kunden aus der New Yorker Mittelschicht. Das Videoportal Vimeo investiert in das Do-it-yourself-Projekt - und will Eintritt.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Ganz Brooklyn ist breit, anders ist das alles nicht zu ertragen. Der MacBook-Spießer hatte schon lange keinen Sex mehr, statt seiner Frau nimmt er Gras-Kardamom-Kuchen mit ins Bett. Der Psychologe braucht zwischen den ganzen menschlichen Dramen mal eine Pause. Und die Kokser mit ihren großen Brillen und ihrem großen Hass auf diese kleine Welt wollen einfach nur runterkommen.

Was all diese kiffenden Großstadtmenschen in der Internetserie High Maintenance verbindet, ist eine Handynummer. Sie gehört einem namenlosen Drogenkurier, den alle "the guy" nennen. Der "Typ" trägt Zehenschuhe, Bart und Ehering - und ist mehr als nur ein Dealer. Er ist Sozialarbeiter, Coach und Kumpel. Als einzige regelmäßig wiederkehrende Figur hält er die losen Episoden zusammen, ohne jemals Hauptfigur zu sein. Schrubbt der Tatortreiniger im NDR Blutlachen weg und dringt subtil in die Psyche der Hinterbliebenen ein, fährt der Typ auf seinem Fahrrad mit einer Tupperdose voller Grasbeutelchen durch New York und beliefert seine Kunden. Mal landet er in einem verglasten Loft, mal in einer Airbnb-Absteige. Manchmal bleibt er zum Essen und dreht ein paar Joints, an anderen Tagen verkauft er seine Plastikbeutelchen und geht. Je nachdem, wie betreuungsintensiv sich seine neurotischen Kunden aufführen.

Nur online kann "High Maintenance" funktionieren

"Betreuungsintensiv", so lässt sich der Titel der Webserie High Maintenance wohl am ehesten ins Deutsche übersetzen. 2012 startete das sehr professionell gemachte Do-it-yourself-Projekt kostenlos auf dem Videoportal Vimeo, fast zwei Jahre später wird es in den USA längst als neues Serien-Modell betrachtet. Als Modell, das sich von den vorgegeben Strukturen des Fernsehens lossagt und die Möglichkeiten des Internets ausschöpft. Das Potenzial von High Maintenance hat nach den ersten dreizehn Folgen nun auch Vimeo erkannt. Mitte Juni gab das Unternehmen bekannt, künftig in die Serie zu investieren und ein Video-on-Demand-Angebot zu etablieren. Im Oktober kommen sechs neue Folgen, High Maintenance wird dann nicht mehr kostenlos sein. Wie viel investiert wird und wie hoch die Streaming-Gebühren sein werden, dazu machen Vimeo und die Produzenten derzeit keine Angaben.

Originell ist das Thema Drogenhandel zwar spätestens seit Breaking Bad nicht mehr, eigen ist High Maintenance trotzdem. Was sich im Fernsehen allein schon wegen der ritualisierten Taktung aus Sendungen und Werbeunterbrechungen verbietet, wird im Netz zum erzählerischen Prinzip der Freiheit: Nur online kann High Maintenance als Sammlung aus Echtzeit-Sequenzen und New Yorker Psychogrammen funktionieren - und so ist die Serie auch konzipiert. Die Folgen erscheinen, wenn sie fertig sind, und nicht zu einem fixen Sendetermin. Mal ist die Geschichte in sechs, mal in 15 Minuten erzählt. Je nachdem, ob der guy einen aufgekratzten Asexuellen, einen traumatisierten Kabarettisten oder eine krebskranke Frau beliefert.

Gespielt wird der guy von Ben Sinclair, gemeinsam mit seiner Ehefrau Katja Blichfeld hat er High Maintenance entwickelt. Sinclair ist bisher eher als Nebendarsteller in Erscheinung getreten, Blichfeld hat als Casting-Direktorin für die Serie 30 Rock einen Emmy gewonnen. Sie schreiben fast immer die Drehbücher, führen Regie und haben die ersten dreizehn Episoden als Produzenten fast komplett selbst finanziert. Im November 2012 gingen die ersten drei Episoden online, mittlerweile hat die Webserie mehr als zehntausend Fans in sozialen Netzwerken, Printmedien wie der Guardian oder der New Yorker besprechen High Maintenance sehr wohlwollend. Gelobt werden die unverbrauchten Darsteller sowie die witzigen und intelligenten Dialoge.

Problembeladenes Privatleben der New Yorker Mittelschicht

Seit zwei Wochen drehen Sinclair und Blichfeld sechs neue Folgen. Für ein Telefonat bleibt da keine Zeit. "Wir hoffen, dass die Serie so bleibt, wie sie ist", schreiben sie per E-Mail zu den Auswirkungen des Vimeo-Deals. Und: Nein, man habe nichts gegen das Fernsehen, doch das Internet sei eben ihr bevorzugtes Medium - nicht nur wegen der erzählerischen Freiheit, sondern auch, weil man sehr viele Menschen erreichen könne. Die größte Veränderung seien die neuen finanziellen Möglichkeiten: eine gute Bezahlung für die "hart arbeitende Crew", mehr Zeit für jede Folge.

Dass eine Episode bisher oft in ein oder zwei Tagen abgedreht wurde und das Team vor zwei Jahren noch aus nur sechs Leuten bestand, sieht man der Serie nicht an. Sinclair und Blichfeld mieten keine teuren Locations, sondern drehen auch schon mal in der Wohnung von Freunden, Nebendarsteller werden via Facebook und Twitter rekrutiert. Die Hauptrollen casten sich mittlerweile von selbst: Downton Abbey-Darsteller Dan Stevens gefiel High Maintenance so gut, dass er eine Mail schickte, kurz darauf trug Stevens Frauenkleider und spielte einen Schriftsteller mit Schreibhemmung - Rachel ist die letzte und beste Folge der ersten Staffel.

So unterschiedlich die kiffenden Charaktere sind: Immer dringt die Kamera dämmernd in das problembeladene Privatleben der New Yorker Mittelschicht ein. Gekifft wird nebenbei. Es geht eben nicht um Bong-Raucher ohne Perspektive, sondern um Eltern, Kranke und Verlassene - die einen rauchen aus Spaß, die anderen aus Alltagsverweigerung. Mit dieser unaufgeregten Sicht auf den Konsum von Marihuana ist die Serie nah an der Wirklichkeit: Seit der Legalisierung von Marihuana in den Bundesstaaten Colorado und Washington wird in den USA nicht mehr nur gekifft, sondern auch offen darüber geredet - so wie mit dem guy aus Brooklyn.

Linktipp: Hier ist die Serie im Internet zu finden.

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