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Kieler "Tatort":Rückkehr des Lieblingspsychopathen

Kieler 'Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes'

Die Ermittlungen gegen den Psychopathen Kai Korthals (Lars Eidinger) gehen weiter. (Foto: Philip Peschlow/NDR/dpa)

(Foto: dpa)

Kommissar Borowski bekommt es mit seinem Endgegner zu tun, Frauenmörder Kai Korthals. Und muss feststellen: Wenn es persönlich wird, tut es tatsächlich weh.

Dass der Tatort ein Ereignis sein kann, hat der NDR vor drei Jahren mit dem legendären Sascha-Arango-Stück "Borowski und der stille Gast" gezeigt. Ein Ereignis ist es nicht, wenn ein schnell vergessener Gebrauchs-Tatort zehn Millionen Zuschauer hat. Ein Ereignis ist es, wenn die Zuschauer von der Geschichte so berührt sind, dass sie sicherheitshalber ihre Zahnbürste wechseln.

Der Verbrecher Kai Korthals schlich sich als stiller Gast in Wohnungen fremder Frauen, er putzte sich die Zähne mit ihren Zahnbürsten, aß von ihrem Brot, führte Beziehungen mit Partnerinnen, die von diesen Beziehungen nichts wussten. Dann brachte er sie um.

Am Ende entkam er, weshalb die Geschichte jetzt weitererzählt werden kann. Lars Eidinger ist wieder dieser Korthals, Borowski (Axel Milberg) nennt ihn "Lebensdieb": Wollmütze, dünner Bart, ein Außenseiter, aus dem die Wut jederzeit rausplatzen kann. Autor Arango und Regisseurin Claudia Garde brauchen eine einzige Szene, um das Bedrohliche dieses Mannes auszustellen: wie er zur vollen Stunde einen leise rufenden Kuckuck aus der Uhr bricht. Sie brauchen eine einzige Geste, um die zweite Seite dieses Mannes auszuleuchten, die warme, kindliche. Er kaut am Apfel und hält ihn Borowski hin: "Mal auf der anderen Seite beißen?"

Es steht unentschieden im Kampf zwischen Gut und Böse

Kann sein, dass dem zweiten Teil etwas von der abgründigen Wucht des ersten fehlt, das Motiv des Lebensdiebs war vor drei Jahren als Idee ja noch komplett überraschend. Aber Arango und Garde haben die Figur klug weiterentwickelt, Korthals hat ein Kind jetzt, und er tritt in ein Duell mit Borowski ein, der endlich eine Freundin hat, die er heiraten will. Beide verlieren das Wichtigste, was sie haben, beide wollen es sich vom anderen zurückholen.

"Weh tut es erst, wenn es persönlich wird", hat Borowski früher gesagt - jetzt weiß er, was das bedeutet. Wie immer bei Arango gibt es solche Sätze, die man sich gleich irgendwo notiert. Und wie immer ist da eine Geschichte hinter der Geschichte, sie handelt von Gut gegen Böse, und sie fragt: Wer ist eigentlich ein schlechter Mensch?

Der Täter Korthals übertritt alle Grenzen, aber er behauptet, kein schlechter Mensch zu sein - wie das alle behaupten, die Grenzen übertreten, gibt ja immer noch Steigerungen. Der durchgeknallte Korthals erhebt sich über die durchgeknallte Frau, mit der er das Kind hat. Und der Beamte Borowski: darf Grenzen ausdehnen, aber wie weit? Im ersten Teil hat er noch sein Auto erschossen, das neue Auto funktioniert ganz gut, es hat den Tod nicht verdient.

So kämpfen zwei Männer und zwei tolle Schauspieler in einem sehr spannenden Tatort, so täuschen, lügen, bluten sie. Und so verlieren sie. Weil das Gute gegen das Böse eben nicht gewinnt, bestenfalls trennt man sich unentschieden.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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