Krise bei der Schweizer Nachrichtenagentur:Weggedruckt

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Krise bei der Schweizer Nachrichtenagentur: Der stellvertretender Geschäftsleiter der Nachrichtenagentur Keystone Jann Jenatsch spricht im Folium in Zürich im Mai 2016.

Der stellvertretender Geschäftsleiter der Nachrichtenagentur Keystone Jann Jenatsch spricht im Folium in Zürich im Mai 2016.

(Foto: Eduard Meltzer/picture alliance / dpa)

Medienhäuser greifen immer weniger auf das Angebot der Keystone-SDA zu. Die ist zum Sparen verdammt - hat die Schweizer Nachrichtenagentur überhaupt noch eine Zukunft?

Von Johannes Korsche

Die Keystone-SDA kommt aus dem Krisenmodus nicht heraus. Die Schweizer Nachrichtenagentur verliert seit einiger Zeit Großkunden und damit verlässlich kalkulierbare Einnahmen. Grob zusammengefasst: "Der Gesamttrend für die Keystone-SDA ist negativ", sagt Linards Udris der SZ. Er ist stellvertretender Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich und Mitherausgeber des Jahrbuchs "Qualität der Medien". Schon jetzt unterstützt der Schweizer Staat einzelne Keystone-Dienste finanziell. Trotzdem muss die Keystone-Geschäftsleitung weiter sparen und tut das dort, wo es gemeinhin am schnellsten gehen soll, naturgemäß aber Widerstand hervorruft: beim Personal. Zeit also nachzufragen: Wie steht es um die Zukunft der Schweizer Nachrichtenagentur?

Die Faktenlage verheißt derzeit jedenfalls keineswegs Gutes: Den circa 200 Mitarbeitern der Keystone-SDA lag im Juni ein neues "Personalreglement" vor, bestätigt Jann Jenatsch, stellvertretender Geschäftsleiter der Nachrichtenagentur, der SZ. Unter anderem gehe es darin um Einbußen beim Ferienanspruch, beim Kündigungsschutz und auch bei den Kompensationstagen für Abend- und Wochenendeinsätze.

Lange war nicht klar, ob deswegen ein "Konsultationsverfahren" angestrengt werden muss. Das ist ein Verfahren des Schweizer Arbeitsrechts, das bei Massenentlassungen eingeleitet wird. Dazu wäre es gekommen, wenn sich die Journalisten geweigert hätten, das neue Reglement zu unterschreiben. Das sei aber abgewendet, teilt die Keystone-SDA mit. "Der überwiegende Teil der Mitarbeitenden hat das Personalreglement unterschrieben."

"Spürbare Unzufriedenheit" in der Redaktion

Schon seit Längerem versucht die Keystone-SDA, beim Personal zu sparen. 2018 streikte die gesamte Redaktion vier Tage lang, um sich gegen Kündigungen von Ü60-Redakteuren zu wehren. Letztlich erfolgreich. Spätestens seitdem gilt das Verhältnis zwischen Redaktion und Führung als schlecht. Der Schweizer Branchendienst persoenlich.com berichtete vor Kurzem von "spürbarer Unzufriedenheit" in der Redaktion. Auf die angespannte Stimmung zwischen Belegschaft und Geschäftsleitung angesprochen, weicht ein Sprecher der Agentur aus und belässt es bei der knappen Antwort: "Wir suchen das Gespräch." Denn: "Gerade dank unserer hervorragenden Redaktion können wir ein gutes Produkt anbieten, das bei unseren Kunden Anklang findet."

Dieser Satz soll Optimismus verbreiten, weist aber geradewegs zum Kern des Problems: Die Nachrichtenagentur hat seit Jahren immer weniger Großkunden. Titel von drei der vier großen privaten Medienhäuser des Landes verzichten aktuell ganz oder teilweise auf das Agenturangebot und haben ihr Abo dementsprechend gekündigt oder reduziert. Was besonders interessant ist, da die Keystone-SDA - ähnlich wie die Deutschen Presseagentur - größtenteils im Besitz der Schweizer Medien selbst ist, die also ihrem eigenen Unternehmens gekündigt haben. Der Grund dafür ist bei allen ähnlich: Mit Texten aus der Agentur hebt man sich nicht von der Konkurrenz ab. Abos lassen sich, gerade im Onlinegeschäft, mit selbst verfassten Artikeln weitaus besser generieren. Deswegen investieren die Häuser lieber in die eigenen Redaktionen als in die Agentur.

Seit Anfang 2021 kommt zum Beispiel die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ohne die Texte der Agentur aus, sie bedient sich nur noch bei den Bildern der Keystone. Um ein selbst entwickeltes Tool zum Nachrichten-Monitoring zu betreuen, hat sie Stellen aufgebaut. "Damit gehen wir mit der Zeit", sagt eine NZZ-Sprecherin. Ähnlich ist es bei den Printtiteln der CH Media, zu denen zum Beispiel Lokalzeitungen wie das St. Galler Tagblatt oder die Luzerner Zeitung gehören. Auch sie abonnieren die Agenturtexte nicht mehr. "In der digitalen Welt zahlen Leserinnen und Leser nur für Informationen und Lesestücke, die sie woanders nicht gratis erhalten", begründet dies Stefan Heini, Sprecher der CH Media.

Der Onlinemarkt stellt "das Konzept der Nachrichtenagentur auf grundsätzlicher Ebene infrage"

Am weitesten geht das in der Schweiz sehr wichtige Gratismedium 20 Minuten der TX Group, die seit Januar 2021 in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz auf sämtliche Text- und Bilddienste der Agentur verzichtet. Es gelingt trotzdem, die relevanten News schnell und präzise zu berichten "sowie mit Videos und Bildern in unserer eigenen Bildsprache zu illustrieren", sagt eine 20 Minuten-Sprecherin. Man habe eine eigene Video- und Foto-Agency aufgebaut, bei der aktuell zwölf Leute arbeiten. Außerdem habe man den eigenen Newsdesk verstärkt. Die Keystone-SDA biete zwar eine gute Grundversorgung, "allerdings stellt der Onlinemarkt das Konzept der Nachrichtenagentur auf grundsätzlicher Ebene infrage". Es ergebe für 20 Minuten wenig Sinn, für teures Geld Inhalte zu kaufen, die identisch bei der Konkurrenz ebenfalls zu lesen seien. "Keystone-SDA wird sich - wie alle Player im Medienmarkt - über ihr Geschäftsmodell der Zukunft Gedanken machen müssen."

Die Probleme der Keystone-SDA sind allerdings auch in den Besonderheiten des Schweizer Medienmarktes begründet: "Der Markt in der Schweiz ist klein und unterteilt sich zusätzlich noch einmal in Kleinstmärkte", erklärt Medienwissenschaftler Udris. Allein die sprachlichen Unterschiede innerhalb der Schweiz erschwerten das Geschäft der Agentur. Schließlich muss sie in Deutsch, Französisch und Italienisch liefern. Zwar sei der Dienst gerade deswegen für die Vielfalt der Berichterstattung in der Schweizer Medienlandschaft wichtig. Doch je nach Konzernstrategie spiele die ein oder andere lokale Geschichte aus einem bestimmten Teil der Schweiz eben keine Rolle mehr für manche Publikationen.

Der Versuch, die Agentur auf politischem Weg unabhängiger von ihren eigenen Einnahmen zu machen, scheiterte bisher. Im Februar stimmten die Schweizer in einem Volksentscheid gegen das "Massnahmenpaket zugunsten der Medien". Die Keystone-SDA war Teil der Vorlage und hatte sich - letztlich vergeblich - mehr staatliche Unterstützung erhofft. Dabei hatte Jann Jenatsch von der Keystone-SDA schon 2021, etwa ein Jahr vor dem Volksentscheid, in einem Interview mit dem Schweizer Branchendienst Klein Report angekündigt: "Die Unterstützung durch den Bund wird immer wichtiger." Schon jetzt kann der Staat ein jährlich anfallendes Defizit in einzelnen Bereichen ausgleichen, mit maximal vier Millionen Franken. Dafür muss die Agentur bestimmte unwirtschaftliche Dienste weiter anbieten, wie zum Beispiel eine regionale Kulturberichterstattung.

Gehen die Abo-Einnahmen weiter zurück, sei ein langsamer, schleichender Niedergang der Agentur zu befürchten, prognostiziert Kommunikationswissenschaftler Udris gegenüber der SZ. Einziger Ausweg: "Die Zahlungsbereitschaft bei den Lesern im Internet steigt, und die Medienhäuser selbst unterliegen keinem so starken Spardruck mehr." Aber das sei Glaskugelleserei. Für ihn führt deshalb künftig kaum ein Weg an der Ausweitung der öffentlichen Finanzierung vorbei, mehr als ein Basisangebot werde so aber wahrscheinlich nicht finanziert. Ganz verschwinden wird die Agentur dennoch nicht, vermutet er. "Die Keystone-SDA ist zu wichtig für die Schweiz."

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