"Keine Zeit für Träume" in der ARD:Bittere Pillen

Lesezeit: 2 min

ARD-Spielfilm 'Keine Zeit für Träume'

Die ADS-Krankheit von Merle (links, gespielt von Greta Bohacek) stellt ihre Familie auf die Probe.

(Foto: dpa)

Sollen Eltern ihr an ADS leidendes Kind mit Medikamenten ruhigstellen? Der ARD-Film "Keine Zeit für Träume" wirft einen erstaunlich unideologischen Blick auf das Thema Ritalin.

Von Johannes Boie

Das Leben ist selten einfach, aber richtig schwer wird es mit einem Kind wie Merle (Greta Bohacek). Das Mädchen klaut seiner Schwester das Handy, es beteiligt sich nicht am Unterricht, lernt schlecht, es ist jähzornig, gewalttätig, vorlaut.

Und Merles Familie zerbricht fast an ihr. Jeden Mittag gibt es Streit. Täglich klagende Lehrer. Die Schwester, selbst in der Pubertät, wird benachteiligt. Und Merle selbst? Zerbricht auch. Sie weiß nicht, was mit ihr los ist. Ein unglückliches Kind, das keine Aufmerksamkeit aufbringt und deshalb alle verlangt. Ein Kind mit ärztlich diagnostizierter Aufmerksamkeitsschwäche.

Die Eltern (Anneke Kim Sarnau, Harald Schrott), Bauingenieure, selbständig, gebildet, scheitern radikal. Hier hilft keine Strategie aus ihrer wertkonservativen, grünen Lebenswelt, in der sich wahrscheinlich auch viele ARD-Zuschauer gemütlich eingerichtet haben dürften. Stundenlanges Üben mit Merle, bis die Eltern am Tisch einschlafen, bis sie fast ihre Kunden verlieren, bis die Ehe auf dem Spiel steht. Alles vergebens, Merle bleibt Merle. Und dann stellt sich die Frage: Ritalin?

Diese Frage ist eine Provokation, ein Affront für die Eltern in diesem sehenswerten Film. "Wir machen unser Kind doch nicht von Psychopharmaka abhängig", flucht der Vater, der die Schuld an der Krankheit der Tochter lieber bei sich sucht als in einer Krankheit. Ein Klassiker, Diagnose hin oder her.

Und so muss Merle weiterleiden, ohne Freunde, ohne schulischen Erfolg, weit hinter ihren sozialen und geistigen Möglichkeiten, damit ihre Eltern und die gutmütige Großmutter nicht in ihrem Weltbild gestört werden. Der Film zeigt das Kind als Opfer einer Ideologie, und das ist sein Verdienst: Nicht die alte Geschichte zu erzählen, von einem kerngesunden, aber lebhaften Kind, das der Einfachheit halber mit Ritalin in melancholische Ruhe gebombt wird. Keine Verschwörungstheorien.

Keine Werbung für Ritalin

Stattdessen setzt Drehbuchautorin Regine Bielefeldt dem weit verbreiteten Unsinn, wonach auch ein krankes Kind nur ein "Zappelphilipp" ist, der halt ein bisschen Sport und Liebe braucht, ein Statement entgegen. Sie zeigt, dass eine Familie über kurz oder lang zerbrechen kann und dass ein Kind sehr unglücklich werden wird, wenn es nie tut, was es soll - noch nicht einmal tut, was es selber möchte. Weil es nicht kann.

Gleichzeitig ist dieser Film keine Werbung für Ritalin. Medizin ist eine Option, aber nicht die einzige. Wird sie wirken? Die Geschichte endet, bevor Merle die erste Pille schluckt, was Drehbuch und Regie wenig elegant von der unangenehmen Aufgabe entbindet, das kleine Mädchen auf Ritalin zu zeigen. Nur einmal deutet sich an, dass eine Krankheit Leid bedeutet, selbst mit wirksamen Medikamenten. Da erzählt die ältere Schwester von einem einst nervigen Mitschüler, der ebenfalls die Pillen schluckt. "Jetzt ist er voll ok", sagt sie, aber eben auch: "Er lacht nicht mehr so viel."

Ansonsten kommt Keine Zeit für Träume daher, wie ARD-Filme halt daherkommen: platt wie sein Titel, mit einer Psychiaterin, die eine riesige Sanduhr zur Hand hat, denn die Zeit ist knapp, und mit einem Familienauto, dessen Kennzeichnen auf IQ-110 endet, denn Merle ist natürlich im Grunde clever. Ordentlich kitschig auch, dass ausgerechnet das kleine Mädchen seinen unfähigen Eltern die Entscheidung abnimmt. Merle will ein gesundes Kind in einer glücklichen Familie sein. Zur Not mit medizinischer Hilfe.

Keine Zeit für Träume, ARD, 20.15 Uhr.

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