Katholische Kirche erhält Negativ-Preis Wenn das Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern

Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so alt, erhaben und wertvoll sei. Andersherum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die Problemlösungskompetenz bleibt.

Viel zu lange hat sich die Kirche nur selbst beweihräuchert, hat ihrem Nimbus das Wohl der Menschen untergeordnet und sich für sakrosankt erklärt, hat Gehorsam befohlen und Gefolgschaft reklamiert, hat vertuscht, was nicht zum Bild von ihr passte. Dabei ist das Herz der Kirche erstarrt. Es hat sein Mitgefühl verloren. Statt für sie Zufluchtsort zu sein, sich zu öffnen, zuzuhören, ihre Nöte wahrzunehmen, Trost zu spenden, Hilfe zu geben und selbst bußfertig zu sein, hat sie sich verbarrikadiert, kritische Fragen an sich abprallen lassen und darauf mit rechthaberischen Worten gekontert. Das unselige Ultimatum von Erzbischof Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, an Bundesjustizminsiterin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war ein letzter Ausläufer dieser Haltung: Sie sollte sich binnen 24 Stunden für den Vorwurf entschuldigen, die Kirche würde mit den Strafverfolgungsbehörden nicht konstruktiv zusammenarbeiten. Dieses katholische Ultimatum hatte bei aller Empörung etwas Hilfloses, es war ein Ausdruck hilfloser Empörung. Die Zeiten, in denen die Kirche mit Fluch und Bann beeindrucken konnte, sind eigentlich lang vorbei.

Nach langen Jahren des Schweigens und des Verdrängens hat sich die Kirche schließlich doch zur Aufklärung und Verfolgung von sexueller Gewalt durchgerungen. Sie hat in den vergangenen Monaten Stärke gezeigt beim administrativen Reagieren auf den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Aber über den katholischen Geschmack des Missbrauchsskandals, wie das der Jesuit Klaus Mertes formuliert hat, kann sie nach wie vor nicht reden.

Das Problem der Kirche ist nicht die Öffentlichkeit, ihr Problem sind nicht die Medien, ihr Problem ist die sexuelle Gewalt und ihr Umgang damit. Andere Diözesen, andere Bischöfe haben ganz anders reagiert als Bischof Müller in Regensburg. Erzbischof Reinhard Marx in München-Freising hat die Devise ausgegeben: "Nichts verschweigen, nichts vertuschen, der Wahrheit ins Auge sehen". Marx hat diese Devise auch praktiziert. Aber das zentrale Problem bleibt, es ist die"Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die Folgen der klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen", wie es Franz-Xaver Kaufmann auf den Punkt gebracht hat. Pädophilie ist das Risiko einer zwangszölibatären und monosexuellen Kirche, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen aus allen Machtpositionen, aber nicht die Entsexualisierung des Menschen gelingen konnte.

Der Papst, der beharrlich schweigt

Die Kirche und ihre Krise: Kirche ist Kirche nur dann, wenn sie für andere da ist. Denn Kirche ist ursprünglich und eigentlich die Stimme der Schwachen. Aber im sogenannten Missbrauchsskandal überwiegt in der Amtskirche noch immer die Sorge um die Institution die Anteilnahme mit den Opfern. Es zeigt sich hier das kalte Herz der Kirche. Wenn sie aber vor allem für sich und zu ihrer Selbstverteidigung da ist, verliert sie sich. Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließt und versperrt.

Zur Preisverleihung: Das Netzwerk Recherche verleiht die Verschlossen Auster an die katholische Kirche in toto. "Die" katholische Kirche als einen kompakten Block des Wegschauens, als ein monolithisches Kartell des Schweigens gibt es nicht mehr. Es gibt auf der einen Seite einen Pater Klaus Mertes, den Rektor des Canisiuskollegs in Berlin, der mit seinem Mut zu Aufdeckung und Aufklärung den Schritt hin zu einer kirchlichen Verantwortungskultur getan hat. Es gibt den Jesuitenprovinzial Stefan Dartmann, der weltweit alle Jesuiten, die Kinder missbraucht haben, aufgefordert hat, sich selbst anzuzeigen. Es gibt den wackeren Alois Glück vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der den Pflichtzölibat in Frage stellt. Es gibt den München Erzbischof Reinhard Marx, der das höchst widerstrebende Kloster Ettal zum öffentlichen Bekenntnis gezwungen hat. Es gibt einen Papst Benedikt XVI., der vor kurzem auf dem Flug zum Wallfahrsort Fatima bekannt hat, dass "die größte Verfolgung" der Kirche nicht "von den äußeren Feinden" kommt, sondern aus dem Inneren, "aus der Sünde in der Kirche".

Und es gibt die ganz andere Seite der Kirche, auch in der Person des genannten Papstes Benedikt XVI., der zuletzt die deutschen Bischöfe Zollitsch und Marx dafür gerügt hat, dass sie mit dem lügnerischen Amtsbruder Mixa nicht gnädig genug umgegangen seien. Es gibt den Papst, der beharrlich schweigt, wenn alle Welt eine Erklärung erwartet, der keinen Sinn hat für den rechten Augenblick, keinen Sinn für den Kairos, für das große Mea Culpa, vor dem sein Vorgänger nicht zögerte. Es gibt die Mönche von Ettal, die sich so verfolgt wähnen wie der Regensburger Bischof Müller, es gibt eine Kirchenpresse, die schnell beleidigt ist. Es gibt einen Vatikan, dessen Verhalten in Skandal und Krise an die Echternacher Springprozession erinnert. Dort sprangen einst die Gläubigen drei Schritte vor und zwei zurück und kamen dann irgendwann am Grab des heiligen Willibrod an, der zu Hilfe bei Krämpfen und Nervenleiden angerufen wird. Im Missbrauchsskandal ist es so, dass die Kurie nicht nur vor und zurück, sondern auch seitlich springt: Einem Bekenntnis folgen zwei Beschwichtigungen und drei Ausreden.

Das Fiasko der katholischen Kirche

Es gibt eine Kirche, deren Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern. Es gibt eine Kirche, die glaubt, sie habe lediglich ein Problem mit angeblich missliebigen Medien. Dieser Kirche widme ich diesen Negativ-Preis, die "Verschlossene Auster". Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof meiner Heimatdiözese Regensburg, dem Bischof Gerhard Ludwig Müller. In diesem Bistum Regensburg liegt Wackersorf, der Ort, an dem einst eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut und mit aller Macht und Staatsgewalt gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden sollte. Was Wackersdorf für die CSU war, ist Bischof Müller für die katholische Kirche: ein Fiasko.

Kirche kann ihr gesellschaftliches Gewicht nicht mit Geld, Geschichte und Steuermitteln erhalten oder zeugen. Es entsteht von selber durch Glaubwürdigkeit, und es verfällt mit Unglaubwürdigkeit. Die Kirche braucht das, was die Mediziner restitutio in integrum nennen, die vollständige Ausheilung. Mit der Forderung nach Öffnung und Demokratisierung hat Papst Johannes Paul II. einst den Ostblock gesprengt. Diese Forderung "liegt jetzt auf den Stufen des Petersdoms" (so Jobst Paul im DISS-Journal 19/2010). Damals, im Ostblock, hieß das Neue "Glasnost" und "Perestrojka". Heute, in der katholischen Kirche, heißt es, unter anderem, Aufhebung des Pflicht-Zölibats und Frauen-Ordination. Glaubwürdig wird die Kirche nur dann, wenn sie den Ursachen für die sexuelle Gewalt und deren jahrzehntelange Vertuschung auf den Grund geht. Sie muss dazu die verstörten und empörten Fragen der Menschen hören.

Ich habe mit dem heiligen Franz von Sales begonnen; mit ihm will ich meine Rede jetzt auch beschließen. Dieser heilige Franz von Sales ist nämlich nicht nur Patron der Journalisten. Er ist auch Patron der Gehörlosen. Als solchen möchte man ihn bitten, sich doch der katholischen Kirche anzunehmen.