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Katholische Kirche erhält Negativ-Preis:Die Demission der Bischofskonferenz

Die Diskussion über den Zölibat samt der Sexualität der Priester ist ein Tabu, die Diskussion über die katholische Sexuallehre ist ein Tabu, das Reden über Verhütung ist tabu. Wenn es so viele Tabus gibt, gibt es keine Wahrhaftigkeit mehr. Die Institution, die diese Tabus aufgestellt hat, geht den heiklen Fragen aus dem Weg, weil sie keine Antworten geben will. Und wenn die Fragen gleichwohl drängend werden, schlagen die Antworten Haken wie der Hase auf der Flucht.

Ausgerechnet die Kirche als Fachinstitution für das Benennen und Eingestehen von Verfehlungen, als Fachinstitution für Schuldbekenntnis, Buße, Reue und Vergebung musste und muss von Opfern und Medien gezwungen werden, Stellung zu beziehen. Ritus und Liturgie der Kirche bauen auf den Glauben daran, dass Worte eine Kraft haben, die sogar Materie verwandeln kann. Das Wort hat die Kraft zur Wandlung. "Im Anfang war das Wort" - so beginnt denn auch das Johannesevangelium.

Das bedeutet unter anderem: Der Evangelist Johannes war der erste Kommunikationswissenschaftler. Und das bedeutet vor allem: Kirche ist Kommunikation. Ohne Kommunikation gibt es keine Mission, keine Klarheit, keine Wahrheit. Unterdrückung von Kommunikation ist daher nicht Mission, sondern Demission. Wenn beispielsweise das Bistum Regensburg gegen das Online-Portal Regensburg Digital klagt, wenn sie es Kritiker zum Schweigen bringen will, und sich die deutsche Bischofskonferenz weigert, dazu eine Stellungnahme abzugeben, dann mag das zwar juristisch zulässig sein, aber es ist eine Demission.

Die Kirche redet wenig, die Opfer reden viel. Aus der Schweigespirale ist eine Redespirale geworden; darüber mäkeln kann nur der, der die Opfer nicht kennt. Seitdem der mutige Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisiuskollegs der Jesuiten im Januar 2010 in einem Brief an 600 ehemalige Schüler die jahrelangen sexuellen Übergriffe durch Lehrkräfte an seiner Schule öffentlich bekannt hat, haben Opfer im ganzen Land den Mut zum Reden gefunden.

Die Erschütterung, die Mertes zu seinem Schritt getrieben hat, sie hat die Mauern der reformpädagogisch orientierten Odenwald-Schule genauso zum Einsturz gebracht wie die des konservativen Klosters Ettal. Die Schweigespirale wurde umgedreht; und angesichts der vielen Jahrzehnte, die geschwiegen worden war, kann man nach den paar Monaten des Erkennens und Bekennens gewiss nicht sagen, dass nun schon zu viel geredet wird. Dieses Reden ist das beste Mittel gegen sexuelle Gewalt.

Man muss mit den Opfern reden, dann versteht man, worum es geht. Matthias Drobinski, der Kirchenredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat das so geschildert: "Sie rufen an und reden und hören gar nicht mehr auf, sie schreiben Mails, die kein Ende finden, die schreien vor Not und Bitterkeit. Die Verletzung von vor 20, 30 oder 40 Jahren ist ihnen Gegenwart geblieben, die Demütigung, die ins Intime, ins letzte Eigene vordringt und es zerstört. Ein Erwachsener übt totale Macht aus über den Körper und die Seele eines Kindes - das allein ist furchtbar. Dass er es im Namen der Institution, der guten Sache, der Religion, gar Gottes tut, macht das Verbrechen unfassbar."

Die Kirche war nicht die Täterin des sexuellen Missbrauchs. Aber sie war und ist die Heimat der Täter. Sie hat ihnen die heiligen Räume zur Verfügung gestellt, in denen die Täter so geschützt agieren konnten und in denen die Opfer so ungeschützt waren; sie, die Kirche hat den Tätern die Würde des Amtes verliehen, mit der sie sich tarnen und in der sie sich verstecken konnten. Es sind so viele Amtsträger, die als unwürdig entlarvt worden sind, und bei fast allen hat die Amtskirche so lange weggeschaut.

Und lügnerische Figuren wie der zurückgetretene Augsburger Bischof Walter Mixa haben das Wort Hierarchie zu einem Synonym für Heuchelei gemacht. Und so sind auch zahllose untadelige, hoch engagierte Seelsorger und Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten. Das ist gewiss nichts, was evangelische Christen klammheimlich freuen kann; denn dieser Generalverdacht infiziert alles Kirchliche. Die Kirche hat eine Garantenstellung dafür, dass ihre Amtsträger die heiligen Räume, die Würde des Amtes und das damit verbundene Vertrauen nicht missbrauchen. Sie muss Vorsorge treffen, dass das nicht geschieht; und sie muss Nachsorge treffen, wenn es geschehen ist.

Papst Benedikt XVI.

Vom Theologen zum Religionsführer