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"Kampf um den Halbmond" bei Arte:Söldner ihrer Seelen

Was treibt Männer und Frauen dazu, in Kriegen fern ihrer Heimat zu kämpfen? Eine Miniserie macht aus dieser Frage eine spannende Dramaturgie.

Von Stefan Fischer

Jeder in der Truppe trägt einen Kampfnamen. Auch der Franzose Antoine bekommt einen: Alice. Weil er ratlos durch Syrien stolpert wie Alice durch das Wunderland. Es ist eine verworrene Geschichte, wie aus dem Bauingenieur ein Krieger wird. Aber genau für diese Frage interessiert sich die achtteilige Miniserie Kampf um den Halbmond von Oded Ruskin (Regie) sowie Amit Cohen, Ron Leshem, Maria Feldman und Eitan Mansuri (Buch): Was muss mit Menschen passieren, damit sie ihren Alltag aufgeben, eine Waffe in die Hand nehmen, ihr Leben riskieren - und das für den richtigen Weg halten?

"Ein wunder Punkt ist eine mächtige Triebkraft", sagt ein Führungsoffizier des israelischen Geheimdienstes Mossad einmal zu einer seiner Agentinnen. Sie will aussteigen, doch sie ist längst viel zu stark verstrickt. Und es gibt nach wie vor zu viele offene Rechnungen in ihrem Leben - auch sich selbst gegenüber. Damit steht sie exemplarisch für viele der Figuren.

Die meisten von ihnen leiden an einer solchen tiefen Verletzung. Das lässt sie ausbrechen aus ihren vorherbestimmten Existenzen und einen extremen Weg einschlagen. Der syrische Bürgerkrieg hat sich früh internationalisiert, nicht nur durch Islamisten aus vieler Herren Länder. Kampf um den Halbmond kreist um den Kampfverband YPJ, dem sich überwiegend Frauen angeschlossen haben, um Syrien gegen den IS zu verteidigen. Auf beiden Seiten kämpfen auch Ausländer. Vor allem die nimmt die Serie in den Blick - im Original heißt sie No Man's Land.

Die Motive für das Engagement der Söldner und sonst wie in den Konflikt Verstrickten sind sehr unterschiedlich. Was sie eint, ist, dass sie alle an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben aus der Zivilisation herausgekippt sind. Einer von ihnen ist Antoine (Félix Moati), der seine totgeglaubte Schwester auf einem Internetvideo zu erkennen meint. Wenn sie es tatsächlich ist, wäre sie eine YPJ-Kämpferin in Syrien. An Antoine zeigt sich, wie dieses Herauskippen aus den gewohnten Bahnen ein Prozess ist, der sich mitunter über Jahre hinzieht.

Folge für Folge enthüllt die Serie - teilweise in Rückblenden - die Persönlichkeiten, Motive und Zwänge der Hauptfiguren. Viele von ihnen sind für mehrere Überraschungen gut. Mit der Zeit erkennt man als Zuschauer ein Netz aus Abhängigkeiten und Zusammenhängen, muss aber immer damit rechnen, dass jemand sich hinter einer Tarnidentität versteckt. Und dieser Krieg hat sowieso seine ganz eigene, krude Logik.

Kampf um den Halbmond, Arte-Mediathek.

© SZ/tyc
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