bedeckt München 17°
vgwortpixel

Kalifornien:Reporter stürmen Haus des Attentäter-Ehepaares

Community Mourns As Investigation Continues Into San Bernardino Mass Shooting

Eine Frau versucht vergeblich, Dutzende Medienvertreter abzuwehren, die in das Haus der Attentäter von San Bernardino drängen.

(Foto: AFP)

Vor laufenden Kameras durchsuchen Reporter das Haus, in dem die San-Bernardino-Attentäter Syed Farook and Tashfeen Mali wohnten. Ein Debakel für den Journalismus.

Wenn der Medienzirkus von der Metapher zur Realität wird, ist das in der Regel unangenehm. Am Freitag unterbrachen die amerikanischen Nachrichtensender CNN und MSNBC ihre Berichterstattung unvermittelt für eine Liveschalte nach Redlands, Kalifornien. Genauer gesagt: Für eine Liveschalte in das Haus, in dem das Attentäter-Ehepaar Syed Rizwan Farook and Tashfeen Malik mit ihrer kleinen Tochter gelebt hatte.

Vor laufender Kamera durchwühlte etwa NBC-Reporter Kerry Sanders auf MSNBC die Habseligkeiten, zeigte Kontoauszüge, Ausweise, Sozialversicherungsnummern und spekulierte bei Fotos, ob es sich um Malik handeln könnte. Auch das Zimmer des wenige Monate alten Babys mit Kinderspielzeug und Kinderfotos unterzog er einer genaueren Betrachtung ("Lasst uns nicht das Kind zeigen", bat Studiomoderatorin Andrea Mitchell).

Zeitgleich stöberten seine Kollegen von Fox und CNN live in den Nebenzimmern herum (zeigten aber keine Dokumente in Nahaufnahme); mehre Dutzend Journalisten, Fotografen und Kameramänner taten es ihnen gleich, auf den Gängen herrschte sichtlich großes Gedränge. Auch eine Nachbarin, die offenbar gerade ihren Hund ausführte, schloss sich der Gruppe an (samt ihres Hundes).

Der Vermieter hatte vom FBI die Information erhalten, dass die Spurensicherung abgeschlossen und die Wohnung wieder freigegeben sei. Daraufhin, so erzählte er später, habe er einem Medienunternehmen Zugang versprochen (gegen 1000 Dollar, wie MSNBC später berichtete). Doch weil ohnehin Dutzende von Reportern vor der Tür ausharrten, drängten diese sofort hinein - ein Journalist der britischen Sunday Times half beim Abschrauben der Sperrholz-Versiegelung.

Viele reagieren bestürzt auf die Szenen: Die Kollegen hätten den Ort, an dem ein terroristischer Massenmord geplant wurde, "zu einem privaten Flohmarkt" gemacht, wunderte sich der sichtlich geschockte CNN-Rechtsexperte Paul Callas. Auf Twitter herrschte schnell Einigkeit, einem neuen Tiefpunkt massenmedialen Spektakels beizuwohnen. "Das transportiert den schlimmsten Ruf der Medien als Mob", sagte die Medienethik-Professorin Judy Muller dem Portal Mashable, "es bestätigt alle Vorurteile über Reporter. Es ist schlimm."

Das FBI verteidigte die Freigabe des Ortes mit dem Hinweis, dass man alle nötigen Beweise gesichert habe. Der Vermieter ließ die örtliche Polizei schließlich die Hausbesichtigung wegen des großen Chaos beenden. Der Mann habe sich nicht an die gängige rechtliche Prozedur für die Öffnung des Tatorts gehalten, kritisierte später ein Polizeisprecher.

MSNB entschuldigte sich dafür, Dokumente in Nahaufnahme gezeigt zu haben, rechtfertigte aber die Aufnahmen mit dem Hinweis, man sei mit anderen Medien zur Besichtigung des Hauses "eingeladen" gewesen.

© SZ.de/gal
Zur SZ-Startseite