Süddeutsche Zeitung

Jungwähler-Show "Überzeugt uns" in der ARD:Quatscht uns nieder

Lesezeit: 3 min

Neuwählern zuhören? Ach, wozu denn. Die ARD-Sendung "Überzeugt uns" soll Politiker und junge Wähler zusammenbringen. Doch die Profis quatschten in altbewährter Manier drauflos. Sie zeigten damit: Die Politik ist tatsächlich noch weiter weg von den Jugendlichen als gedacht.

Eine TV-Kritik von Hannah Beitzer

Nein, über unbezahlte Praktika möchte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) nicht so gerne reden. Sondern lieber über die duale Ausbildung, denn so eine hat sie schließlich auch gemacht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Politikern, die sonst so in die ARD-Jungwähler-Show "Überzeugt uns" gekommen sind: SPD-Wunderwaffe Manuela Schwesig, Umweltminister Peter Altmaier (CDU), Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), Grünen-Chefin Claudia Roth und natürlich der unvermeidliche Gregor Gysi (Linke).

Sie alle kamen in die ARD, weil sie ein Problem umtreibt: Unter jungen Deutschen ist die Wahlbeteiligung niedrig, die Bindung zu Parteien schwach. Sendungen wie "Überzeugt uns" gibt es deswegen gerade viele im deutschen Fernsehen - fast zeitgleich zur ARD versucht auch Pro Sieben, Jungwähler und Politiker zusammenzubringen. Mit mäßigem Erfolg. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur ARD: Anders als Pro Sieben bringt sie Junge und Politiker tatsächlich zusammen - sie holt etwa einen in Teilzeit arbeitenden Verkäufer namens Sidney und eine junge Mutter, die sich zwischen Beruf und Familie aufreibt, ins Studio. Außerdem können die Zuschauer über Twitter und Facebook Fragen an die Politiker stellen.

Munter losquatschen

Blöd nur, wenn diese die Fragen einfach nicht beantworten. So wie Aigner, die auf das lästige Thema unbezahlte Praktika sichtlich keine Lust hat. Und stattdessen eben munter drauflosquatscht, wie es ihr gefällt: das deutsche Ausbildungssystem lobt, auf die Abitur-Versessenheit der OECD schimpft, die Deutschlands Bildungssystem regelmäßig ein eher maues Zeugnis ausstellt.

Aigner demonstriert damit aufs Schönste, warum so viele Junge keinen Bock auf Politik haben: denn anstatt echter Teilnahme am Schicksal der Jungen gibt es allzu oft nur hohle Phrasen. Das gilt auch für andere Wortbeiträge aus der Runde - oft scheint es den anwesenden Politkern nicht einmal aufzufallen, wie abgegriffen ihre Rhetorik, wie formelhaft ihre Lösungen wirken.

Begriffe wie Mütterrente, Beitragsbemessungsgrenze, betriebliche Altersvorsorge, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Allgemeinplätze wie "Jeder muss von seiner Arbeit leben können", schwirren durch den Raum. Da kann der Verkäufer Sidney, dem im Monat 700 Euro netto zum Leben bleiben, nur stumm mit dem Kopf schütteln. Und die Mutter, die sich zwischen Job und Kind aufreibt, irgendwann nur noch seufzen: "Aber Kinder sind doch keine Ware."

Daran, dass die Begegnung eher gruselig gerät, sind die Moderatoren Ingo Zamperoni und Katrin Bauerfeind noch am wenigsten schuld. Sie haken an einigen Stellen gekonnt nach, reiben SPD und Grünen die Agenda 2010 und der Union ihren aufgeweichten Mindestlohn und das Betreuungsgeld unter die Nase. Doch auch sie schaffen es nicht, wirklich Kontakt zwischen ihren jungen Gästen und Zuschauern und den Talk-Gästen herzustellen und übernehmen an einigen Stellen auf gruselige Art und Weise die Rhetorik ihrer Gäste. "Flexible Arbeitsmärkte" zum Beispiel - was für ein totaler Nullbegriff!

Und warum es bei den Öffentlich-Rechtlichen als so besonders innovativ gilt, zwischen die Gesprächsrunden witzige Clips zu packen, in denen Politiker auf ihren "Swag" getestet werden, rappen müssen und ahnungslose Spaziergänger mit Fragen zur Politik vorgeführt werden, erschließt sich auch nicht unbedingt.

Denn junge Wähler, das zeigen diverse Jugendstudien, sind überhaupt nicht so dumm und oberflächlich, wie da getan wird. Sondern vielmehr ernsthaft, fast schon konservativ, Mini-Erwachsene hieß es in einer davon. Leute, die sich schon mit 16 Gedanken über ihren Lebenslauf machen, wählen Politiker bestimmt nicht, weil sie das Jugendwort des Jahres 2011 kennen (Sie haben es sich sicher schon gedacht - es ist: Swag.).

Simpel aber effektiv

Völlig aus dem Ruder läuft die Sendung dann beim eigentlich spannenden Thema Überwachung, das die ARD leider ganz an den Schluss von "Überzeugt uns" geklebt hat. Zum NSA-Skandal befragt, weist Ilse Aigner auf ihren Facebook-Skeptizismus hin, ohne, dass ihr jemand klipp und klar sagt, dass es hier eben nicht um ein datenklauendes privates Unternehmen, sondern um die Überwachungspraxis von Geheimdiensten geht. "Wir wollen, dass man sich nicht als Nutzer überlegen muss: Was darf ich jetzt reinstellen?", hält ihr lediglich Manuela Schwesig entgegen. Von der man an dieser Stelle gern gewusst hätte, wie sie eigentlich zum positiven Votum ihrer Partei zur Vorratsdatenspeicherung steht.

Dennoch schafft Schwesig es in der Runde am ehesten, ihre Forderungen auf den Punkt zu bringen - und das im Grunde mit ziemlich simplen Mitteln: Sie versieht die Mindestlohn-Forderung ihrer Partei mit einer Zahl (8,50 Euro pro Stunde für alle) und bezieht auch den Verkäufer Sidney ins Gespräch ein: "Sidney ist doch kein Einzelfall", ruft sie. Und landet dafür im unvermeidlichen Publikumsvoting auf dem zweiten Platz.

Den ersten Platz belegt Gregor Gysi. Was sicher nicht an seinen Ausführungen zur Beitragsbemessungsgrenze liegt. Sondern schlicht daran, dass er die ganze Zeit so tut, als gehöre er eigentlich gar nicht dazu, zur Politik. Könnte auch eine Taktik sein - wobei, die Linke fährt die ja schon seit Jahren. Nicht besonders erfolgreich. Und sie hat von allen Parteien die ältesten Mitglieder. Ein "Überzeugt uns"-Sieg macht eben noch lange keinen Jugendversteher.

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