Jugendmedien Schutzlos

Jugendschützer kritisieren Betreiber sozialer Medien. Minderjährige werden im Netz zum Opfer sexueller Ausbeutung, von Extremismus oder Mobbing. In Deutschland können Ermittler dagegen inzwischen rasch vorgehen.

Von Veronika Wulf

Mit der App Tellonym können sich Jugendliche anonym bewerten und Dinge wie "Du bist echt süß" schreiben. Das ist das Beispiel, mit dem die App selber wirbt. Die Initiative Jugendschutz.net hat ein anderes parat: "Bitte bring dich um" steht da in einem Screenshot, und: "Ich zahl dir auch den Strick". Um Kommentare wie diesen auf Tellonym abzugeben, muss man sich nicht einmal registrieren.

Mit solchen Fällen beschäftigt sich das Kompetenzzentrum für Jugendschutz im Internet, eine Einrichtung von Bund und Ländern. Im vergangenen Jahr gingen bei den Experten Hinweise auf mehr als 100 000 Beiträge im Netz ein. Dabei stießen sie auf rund 7500 Verstöße gegen den Jugendmedienschutz. Neben Schikanen und Mobbing habe es 2017 eine deutliche Zunahme bei der Darstellung sexueller Ausbeutung von Kindern gegeben, sagte Friedemann Schindler, der Leiter von Jugendschutz.net, am Donnerstag in Berlin. Gut 40 Prozent der Verstöße fallen in diesen Bereich, gefolgt von politischem Extremismus wie Rechtsextremismus oder Islamismus, Propagierung von Selbstgefährdung, Gewalt und Cybermobbing.

Stößt jugendschutz.net auf derartige Inhalte, fordert das Zentrum den Anbieter auf, diese zu löschen. In 80 Prozent der Fälle tut er das auch innerhalb weniger Tage. Dabei geholfen habe das deutsche Netzdurchsetzungsgesetz gegen Hetze im Internet sowie Selbstverpflichtungen, welche die EU mit Diensten wie Youtube und Facebook geschlossen hat. Denn fast 60 Prozent der Verstöße fand das Zentrum auf Plattformen aus den USA und nur ein Achtel bei deutschen Diensten. Anbieter wie Instagram unternähmen "keine ernsthaften Anstrengungen", das von ihnen angegebene Mindestalter durchzusetzen. Zudem seien Profile in den Voreinstellungen oft auf "öffentlich" gestellt. "Cybermobbing ist damit Tür und Tor geöffnet", sagte Schindler.

Auch Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium sagte, es sei "zuforderst Aufgabe der Betreiber, für die besonderen Schutzbedürfnisse von Kindern Sorge zu tragen". Man wolle aber auch die Lücken im bestehenden Jugendmedienschutz schließen. Auf eine solche wies Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Jugendministerium Rheinland-Pfalz, hin: Auf einer DVD müsse eine FSK-Altersfreigabe stehen, wird derselbe Film über Netflix gezeigt, entfalle diese. "Da muss man keine Fachkenntnisse haben, um festzustellen, dass das überhaupt nicht sinnvoll sein kann."