Süddeutsche Zeitung

Neue Serie:Träume für zwanzig Kilometer

Lesezeit: 2 min

Die Dokuserie "Jugendland" begleitet René, Anfang 20, beim Erwachsenwerden in der Provinz.

Von Clara Meyer

Auf dem Dorf groß werden, das bedeutet in manchen Fällen Einfamilienhaus mit Garten und Golden Retriever. Dass jeder jeden kennt und der Bus nur einmal die Stunde fährt. Aber wieso sollte man auch wegwollen: Es gibt ja Scheunenpartys und Schützenfeste. Alles in allem ist das Dorfleben eigentlich ganz idyllisch, oder?

Nicht für René. Er ist im niedersächsischen Uetze ohne Geld, Mutter und Chancen aufgewachsen. Weil er nach einer turbulenten Schullaufbahn keinen Ausbildungsplatz findet, fehlt es noch immer am Geld. "Ohne Para ist mies, Alter", erklärt er. Und ohne Wohnung. Denn die gibt es nur mit Job. René ist gefangen in einem Teufelskreis. Doch auf der Couch seiner Freunde schläft es sich ganz okay. Die Freunde kennt er schon fast sein ganzes Leben, kaum einer hat es weggeschafft. Auf dem Dorf hält man zusammen, auch wenn man mal Scheiße baut. René baut Scheiße. Wegen Körperverletzung muss er ins Gefängnis.

Seine Realität spielt sich irgendwo zwischen Drogenkonsum und Planlosigkeit ab

Vor der Haftstrafe, während der Haftstrafe, nach der Haftstrafe - an diesen Stationen hangelt sich die Dokuserie Jugendland entlang. Vier Jahre hat der Autor und Produzent Christoph Heymann den jungen Erwachsenen begleitet. Am Anfang ist René 20 Jahre alt. "Viel mit Freunden chillen, Fahrrad fahren, Fußball spielen. Was man halt so macht als Junge", beschreibt er damals seinen Alltag. Dabei spielt sich seine Realität irgendwo zwischen Drogenkonsum und Planlosigkeit ab. Heymann filmt diese Realität.

Aus dem Videomaterial sind sechs Folgen zu je 20 Minuten entstanden, die jetzt in der ARD-Mediathek und in einzelnen Clips auf Youtube zu sehen sind. Das Konzept erinnert an die Webserie Druck. René wächst jedoch weitaus weniger privilegiert auf als die Berliner Abiturientinnen in dem ebenfalls öffentlich-rechtlichen Format. Gemeinsamkeiten gibt es trotzdem: Probleme in Freundschaften und in der Liebe. René möchte mit seiner Verlobten wegziehen, sobald er aus dem Knast raus ist. 20 oder 30 Kilometer weg, viel weiter traut er sich gar nicht zu träumen. Doch seine Verlobte Liza will nicht, obwohl sie während der Haftstrafe zu ihm hielt und ihm am Tag der Entlassung vor Freude in die Arme springt. Aber sie merkt, dass René nicht aus seinen Fehlern lernt. Er hat keine Lust, sich auf Ausbildungen zu bewerben. Auch eine weitere Haftstrafe könnte ihm blühen. Liza ist genervt.

Zu den Höhen und Tiefen, die er erlebt, äußert sich René in Interview-Sequenzen. Den Regisseur Heymann selbst hört man nie, weitere Hintergrundinformationen gibt es nicht. Dadurch bleiben Zusammenhänge oft unklar. Allerdings wirken die Szenen so auch authentischer, fast unberührt. Als wollte der Autor sie nicht zugunsten seiner dramaturgischen Vorstellung zusammenbasteln. Heymann hat mit René einen Protagonisten gefunden, dessen Leben den Spannungsbogen von ganz alleine spannt.

Jugendland, sechs Folgen in der ARD-Mediathek.

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