Jürgen Richter zum 70. Unbeugsam, unangepasst, ehrlich

Jürgen Richter leitete mehrere deutsche Verlage - bei seinem spektakulärsten Job führte er Springer in den neunziger Jahren wieder in rosige Zeiten. Nun wird Richter 70 Jahre alt.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Er kam gerne morgens in die Niederlassungen des großen Reichs, bevor die Termine offiziell begannen und sich die Mitarbeiter sortiert hatten. In München fragte ihn ein Pförtner einmal bei einer solchen Gelegenheit: "Und wer sind Sie?" Und der Gast aus der Zentrale antwortete nur: "Ja, wer könnte ich denn sein?"

Jürgen Richter, ehemaliger Vorstandschef des Axel Springer Verlages, wird 70 Jahre alt.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Es war Jürgen Richter, damals in den neunziger Jahren Vorstandschef des Axel Springer Verlages. Der Einsatz in Europas größtem Zeitungshaus (Bild) war der spektakulärste, schlagzeilenträchtigste Job des promovierten Kaufmanns. Er war keiner der nasskämmenden Schönredner, die den Verlag bevölkert hatten, und auch nicht Mitspieler jener Intrigenstücke, die zur Gaudi des Publikums jahrelang geboten wurden. Richter räumte in seiner Zeit (Mai 1994 bis Ende 1997) einfach nur auf, kümmerte sich um die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen, wie er dazu sagt.

Damals gewann Springer seine betriebswirtschaftliche Stärke zurück. Richter war ja der Mann mit dem "Röntgenblick" gewesen, wie die Verlegerin Friede Springer einmal konstatiert hatte, in jenen Tagen, als sie ihm noch mehr zugetan war. Verloren hat der Manager den Job dann im Dauer-Zwist mit dem seinerzeitigen Großaktionär Leo Kirch.

Bei seinen Tätigkeiten fürs Verlagswesen war Richter stets ein Unbequemer, ein Ehrlicher, der es hasste, getäuscht oder charmiert zu werden, was das Gleiche sein kann. Nach Anfangsjahren im Großverlag Gruner + Jahr sowie einer Dekade bei Druckerei-Firmen trat er 1985 in die Geschäftsführung der Ludwigshafener Medien-Union ein, die heute mittelbar an der Süddeutschen Zeitung beteiligt ist. Hier, an der Seite des Verlegers Dieter Schaub, kümmerte er sich um die Sanierung der Schulbuch-Verlagsgruppe Westermann, schaute nach den diversen Regionalblättern und stabilisierte nach der Wende die akquirierte Freie Presse in Chemnitz als auflagenstarke Abonnementzeitung.

Nach dem Springer-Ausflug nutzte der Gütersloher Bertelsmann-Konzern sein Wissen. Richter leitete die profitablen Fachinformationen, die aber 2002 verkauft wurden - im Grunde ein strategischer Fehler, der den Profi schmerzte. Der Verlagskenner hat dann viel Jahre den Bertelsmann-Miteigentümer Christoph Mohn bei dessen zur Erfolglosigkeit verdammten Internet-Versuchen begleitet sowie später die Privat-Bank Sal. Oppenheim beraten, heute Teil der Deutschen Bank.

Er sei das "Gewissen der Branche", hat ein Verleger jüngst Richter gewürdigt. Manche meinen, er sei das "schlechte Gewissen der Branche". Der langjährige Verlagschef scheut sich nicht, übertriebenes Renditedenken zu geißeln, dubiose PR-Nummern, überdrehenden Journalismus, Finanzmarkt-Gier sowie all die Netzwerkgeflechte, die inzwischen das Metier durchziehen. Jürgen Richter, der Unangepasste, wird an diesem Montag 70 Jahre alt.