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Journalistenmord in Russland:Der Auftraggeber? Es gibt Gerüchte

Damals trat der ehemalige Polizeioberstleutnant Dmitrij Pawljutschenkow noch als Zeuge auf. Aber Sokolow hatte schon länger den Eindruck, dass Pawljutschenkow eine größere Rolle gespielt haben könnte. Im August wurde der Milizoffizier schließlich verhaftet. Er soll die drei tschetschenischen Brüder als Todeskommando engagiert, die Pistole besorgt und kurz vor Politkowskajas Tod ihren Alltag ausspioniert haben. Pawljutschenkow galt eine kurze Zeit nach seiner Verhaftung als der Hauptorganisator des Mordes, bis die staatliche Untersuchungskommission vor vier Wochen mitteilte, dass diese Rolle nun wohl dem Tschetschenen Lom-Ali Gaitukajew zufalle, auch er bereits in Haft. Eine Schlüsselfigur bleibt Pawljutschenkow allemal, und die Nowaja Gaseta war die erste Zeitung, die über dessen Festnahme berichtete.

Was auch kein Wunder war. "Die Mitarbeiter der Nowaja haben die Informationen gesammelt, die letztendlich zu dieser Verhaftung geführt haben", sagt die Politkowskaja-Anwältin Anna Stawizkaja. "Es war in der ganzen Sache ihr größter Erfolg." Stawizkaja wäre sehr froh, wenn die staatlichen Ermittler auch ohne Sokolows Team auskommen würden, ohne Hilfe von außen. "Aber in diesem Fall", sagt sie, "wäre alles ohne die parallelen Untersuchungen nicht so erfolgreich verlaufen. Die Nowaja Gaseta ist die bewegende Kraft. Es fehlt eigentlich nur der Auftraggeber."

Wer das ist, das hat auch Sokolow bisher nicht herausgefunden. Er hat nur Versionen. "Eine Liste von drei, vier Personen", sagt er, "aber wer von ihnen den Auftrag gegeben hat, das weiß ich nicht." Das ist der Punkt, an dem auch die Nowaja Gaseta an ihre Grenzen stößt. Mit ihren kritischen Artikeln insbesondere über schwere Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Krieg hatte sich Politkowskaja manche Feinde gemacht. Zuletzt kursierte wieder ein Name, der von Anfang an schon umherschwirrte. Der von Boris Beresowskij. Der Oligarch, der seit Jahren im Londoner Exil lebt, war in den neunziger Jahren einer der mächtigsten Männer Russlands. Er half dem angeschlagenen Präsidenten Boris Jelzin 1996, die Wahl zu gewinnen. Er hatte gute Verbindungen nach Tschetschenien, und er ist später zu einem Gegner von Wladimir Putin geworden, an dessen Geburtstag Politkowskaja getötet wurde. Seit langem geht deshalb das Gerücht um, Beresowskij habe Putin in Verruf bringen wollen.

Sokolow kennt natürlich auch dieses Gerücht, und er sagt, "das ist die Version der Staatsanwaltschaft. Ich glaube nicht, dass er es ist". Es gibt seit Jahren viele Fährten in dem Fall, und Sokolows Rechercheteam verwendet viel Zeit darauf, zu untersuchen, welche von ihnen richtig sind. "Wir haben in Russland einen schwachen Staat, der seine Pflichten nicht effektiv erfüllt", sagt der stellvertretende Chefredakteur. "Wenn ein wichtiger Verdächtiger ein Mitarbeiter der Innenbehörde ist, dann ist jeder weitere Kommentar eigentlich überflüssig." Immer wieder gehe es eben auch um Geld, "um Bereicherung, um Bisnes", wie Sokolow sagt. Und auch die Politik hat aus seiner Sicht schon eine Rolle gespielt in dem ganzen Verfahren. "Als der zweite Jahrestag der Ermordung näher rückte, erhielten die Ermittler den Auftrag, den Fall dringend an das Gericht zu übergeben. Aber die Ermittlungen waren noch gar nicht beendet. Und so platzte die Sache, und alle wurden zunächst freigesprochen."

Nun gibt es einen neuen Anlauf. Der Nowaja Gaseta geht es nicht um Eile, sie will, dass der Fall gelöst wird, Schritt für Schritt. "Für uns ist Anja eine Freundin, für die Ermittler ist es normale Arbeit. Wir haben keinen Konflikt mit ihnen. Fünf Jahre, für einen Auftragsmord in Russland ist das eigentlich eine realistische Zeitspanne, nicht viel und nicht wenig", sagt Sokolow. "Generell gibt es bei uns nun mal viele gleichberechtigte Ämter, die nicht miteinander befreundet sind. Die Miliz, den Sicherheitsdienst, die Staatsanwaltschaft. Und es geht ja schließlich nicht um Diebstahl." Und so glaubt er, aber vielleicht ist es auch eher ein Hoffen, dass irgendwann auch der Auftraggeber gefasst wird. "Ich kann es nicht sagen, es ist schwierig. Aber früher oder später werden wir es hoffentlich erfahren."

© SZ vom 06.10.2011/anbo/gr
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