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Journalist Jaafar Abdul Karim:Tabuthemen gibt es nicht

Heftige Reaktionen hat auch eine Sendung ausgelöst mit dem für deutsche Ohren banal klingenden Thema: Sex vor der Ehe. Eine ägyptische Regisseurin hatte gesagt: "Man muss nicht verheiratet sein, um Sex zu haben." In ägyptischen sozialen Medien hatten daraufhin empörte Männer gefordert, die Frau gehöre ausgepeitscht.

Abdul Karim weiß, dass seine Sendungen in den arabischen Ländern eine große Wucht entwickeln können, er ist ständig in Kontakt mit seinen Zuschauern auf Twitter und Facebook. "Manche schreiben mir, meine Sendungen hätten ihr Leben verändert und dass sie jetzt offener und respektvoller denken", sagt er.

Kurz vor Beginn der Aufzeichnung an diesem Samstagnachmittag trifft er einen Kollegen im Regieraum, der ihn fragt: "Was hast du denn mit dem Film Willkommen bei den Hartmanns zu tun? Dein Name steht im Abspann." Karim ist überrascht - und erzählt vom Treffen mit dem Regisseur der Flüchtlingskomödie, Simon Verhoeven, der wissen wollte, was er, der Migrantenexperte, von der Geschichte halte.

Es ist kein Zufall, dass Jaafar Abdul Karim von Berlin aus für die arabische Welt produziert, fern von Autokraten und Zensoren. In manchen Staaten stünde seine Sendung längst auf dem Index. Die Idee entstand nach dem Arabischen Frühling. Bei der Deutschen Welle waren sie sicher, es gebe großen Diskussionsbedarf unter der Jugend des Nahen Ostens. Mehr als 60 Prozent dort sind jünger als 25 Jahre. Und sie sollten sich nicht irren. Jaafar Abdul Karim hat der Sendung sein Lebensmotto übergestülpt: "Jeder hat das Recht, so zu sein, wie er ist." Das kommt an bei jenen, die in Ländern leben, in denen Frauen nicht Auto fahren und Männer nicht schwul sein dürfen.

Sendung mit Integrationspotenzial

Immer mehr Flüchtlinge in Deutschland entdecken Shababtalk. Eine Sendung wurde eigens in eine Berliner Flüchtlingsunterkunft verlegt. Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner war eingeladen und mehr als zwanzig Flüchtlinge. Thema: Was Deutsche und Flüchtlinge voneinander erwarten. Jaafar Abdul Karim fragte eine Kopftuch tragende Syrerin, ob sie einem deutschen Mann die Hand geben würde. Nein, natürlich nicht, der Islam verbiete das, erwiderte die Frau. Abdul Karim ließ nicht locker. Sie sei aber doch jetzt in einem Land, in dem so etwas ganz üblich sei. Mag sein, sagte die Frau, sie erwarte aber, dass Deutschland ihre Haltung respektiere. Abdul Karim wendete sich an den Ehemann. Ob er Frau Klöckner die Hand geben würde, fragte Abdul Karim. Klar, sagte der Mann, "ich bin eben schon integriert."

Flüchtlingsfernsehen

Bundesliga auf Arabisch

Für bessere Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe will die Deutsche Welle sorgen und bald in ganz Deutschland auch arabischsprachiges Programm senden. Politik und Fußball läuft schon, für ein Thema ist Intendant Limbourg noch auf Partnersuche.   Von David Denk

Jaafar Abdul Karim ist gut darin, andere Menschen auszufragen. Über sich selbst möchte er noch nicht einmal preisgeben, welche Musik er hört oder wo er Urlaub macht. "Das ist mir zu privat", sagt er, und macht klar: Nachbohren zwecklos. Er ist nur bereit, die Vita-Details herunterzurattern, die in jedem Artikel über ihn stehen. Als Sohn libanesischer Eltern ist er in Liberia geboren und in der Schweiz und in Libanon aufgewachsen, studiert hat er Medieninformatik in Dresden und in Lyon, in London zusätzlich einen Regiekurs absolviert.

Seit fünf Jahren macht er Shababtalk, außerdem schreibt er noch für Zeit Online, und dreht Reportagen für Spiegel Online. Wo er lebt, was er in seiner Freizeit macht, mit wem er zusammen ist, all das sind Fragen, die unbeantwortet bleiben. "Mein Privatleben", sagt er, "hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen." Wir lebten in Zeiten, "in denen man Menschen einordnen möchte, aber das macht mich eben auch aus, dass ich keine Stellungnahme abgebe".

Sein Traum? Er bleibt beim Beruflichen. Sagt, dass er gern eine Talkshow auf Deutsch führen möchte. Er habe schon Angebote bekommen, aber das Passende sei noch nicht dabei gewesen. Diesen Mittwoch geht er mit Dunja Hayali für ZDF Neo der Frage nach: Wie sexistisch sind wir? Von sich selbst ist Jaafar Abdul Karim sehr überzeugt: "Jemand wie ich würde den deutschen Medien guttun."