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Journalismus:Die Nationalität wird oft schon von der Polizei zurückgehalten

Augustin stört etwas anderes: dass die Nationalität eines Verdächtigen oft schon von der Polizei zurückgehalten wird. "Das ist nicht deren Aufgabe", sagt er. Dass nach den Vorfällen in Köln erst spät berichtet wurde, habe "an der Desinformation der Kölner Polizei" gelegen, sagt auch Frank Überall, der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes. Auch er plädiert dafür, den Passus beizubehalten.

Tatsächlich orientieren sich viele Polizeidienststellen, etwa in Nordrhein-Westfalen oder in Niedersachsen, in ihrer Öffentlichkeitsarbeit am Pressekodex, obwohl der sich gar nicht an die Beamten richtet. In Berlin heißt es sogar, man wende den Kodex in allen Mitteilungen, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sind, "analog" an. Dass heißt, dass in vielen Fällen die Presse überhaupt nicht die Möglichkeit hat, zu entscheiden, ob sie über die Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe berichtet oder nicht. Auch die bayerische Polizei orientiert sich am Kodex. Wenn es konkrete Nachfragen zur Herkunft gebe, würden die Informationen aber nicht zurückgehalten.

Ähnlich hält es die Deutsche Presse-Agentur. In heiklen Fällen wird die Nationalität nicht in der Agenturmeldung selbst, sondern im Anhang genannt, dort also, wo zum Beispiel auch die Telefonnummer des zuständigen dpa-Autors steht. So kann jede Redaktion selbst entscheiden, ob sie die Herkunft nennen möchte oder nicht. Chefredakteur Sven Gösmann sagt: "Sonst könnten uns die Kunden vorwerfen, dass wir ihnen etwas verschweigen."

Eine Bevormundung des Lesers?

Kai Gniffke, Chef von ARD-aktuell, sieht die Medien in einem Spannungsverhältnis zwischen der Sorge, Ressentiments zu schüren, und jener, Glaubwürdigkeit einzubüßen: "Was nützt uns regelkonformer Journalismus, wenn uns niemand mehr glaubt?" Schwierig werde es, wenn die Polizei im Netz mehr veröffentlicht, als die Medien berichten würden. "Wir sind eben nicht mehr die alleinigen Gatekeeper, die darüber befinden, was die Leute erfahren. Damit müssen wir umgehen", sagt er.

Was bei der Kritik am Kodex auch immer mitschwingt ist, dass Ziffer 12 den Leser bevormunde, als sei der nicht fähig, den Einzelfall von der ethnischen Gruppe zu unterscheiden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Nennung der Nationalität und Vorurteilen?

Florian Arendt forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität in München über Rezeption und Wirkung von Stereotypen in den Medien. "Die Frage ist einfach zu beantworten", sagt er: "Ja. Mit Ausrufezeichen." Das hätten Studien im In- und Ausland bewiesen. In einer Untersuchung sei etwa zwei Gruppen dieselbe Nachricht vorgelegt worden, einmal ohne die Nationalität des ausländischen Verdächtigen zu nennen, einmal mit dieser Angabe. Auf die anschließende Frage, wie hoch der Anteil ausländischer Mitbürger an der Gesamtkriminalität sei, hätte die zweite Gruppe im Schnitt höhere Anteile geschätzt als die erste.

Wie aber geht das: nichts verschweigen, ohne Ressentiments zu schüren?

Jeder Einzelfall muss sauber abgewägt werden

Bei einer Chefredakteursrunde, zu der die dpa kürzlich geladen hatte und bei der Ziffer 12 Thema war, machte Gniffke einen Vorschlag. Seine Idee: Den Passus um einen weiteren Satz zu verlängern, ähnlich formuliert wie der, der schon da steht "Zugleich ist zu berücksichtigen, dass die Nicht-Erwähnung Vorurteile gegenüber der Unvoreingenommenheit der Medien schüren könnte." Das Spannungsverhältnis wäre so im Kodex verankert, die Anforderungen an eine Rüge etwas höher: "Dann hätten vielleicht manche ein besseres Gewissen, die sich entscheiden, die Nationalität zu nennen", so Gniffke.

Was sich aber auch durch diesen Passus nicht ändern würde: Die Pflicht, in jedem Einzelfall sauber abzuwägen.

© SZ vom 09.03.2016/jobr

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