Journalismus Vom Premierminister zum Propagandasprecher

Alex Salmond hat etwas übrig für Putin; für dessen Propaganda-Sender ist die Verpflichtung ein Geschenk.

(Foto: Russell Cheyne/Reuters)

Alex Salmond war bis vor kurzem schottischer Regierungschef. Jetzt moderiert er für Russia Today. Begründung: Seine Meinungen seien "toxisch" für britische Medien.

Von Cathrin Kahlweit

Einer seiner Parteifreunde von der SNP, der Schottischen Nationalpartei, sagte es geradeheraus: "Was zum Teufel glaubt er, das er tut?" Seine Nachfolgerin im Amt, die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon, formulierte geschliffener: "Ich hätte ihm davon abgeraten." Alex Salmond, Kämpfer für ein unabhängiges Schottlands und zugleich Royalist, also eine typisch schottische Existenz, war 2014, nach dem Nein der Schotten beim Unabhängigkeitsreferendum, als First Minister zurückgetreten; im Juni dieses Jahres verlor er auch seinen Sitz im Londoner Unterhaus. Nun hat er sich auch den Zorn vieler Politikerkollegen zugezogen.

In ihren Augen hat er sich zum Helfershelfer von Wladimir Putin gemacht: Salmon, Ex-Premier in Edinburgh, bekommt im russischen Propaganda-Sender Russia Today (RT) eine eigene Show. Die Alex Salmond Show werde völlig unabhängig sein, niemand aus Moskau werde ihm hineinreden, so Salmond störrisch, und in der BBC-Sendung Newsnight fügte er hinzu: Seine Meinungen, seine Person seien "toxisch" für britische Medien, da müsse er eben auf einen russischen Sender ausweichen.

Kritikern wirft er Hybris vor. Sie treten doch selbst gerne bei RT auf

Ansonsten brüllte er den Moderator nieder, der fragte, warum ein einstiger Politiker sich von einem Sender bezahlen lasse, der womöglich die letzten Wahlen und das Brexit-Votum im UK manipuliert habe und, wie die Premierministerin jüngst beklagt hatte, Teil der russischen Desinformationsmaschine sei?

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Das sei nicht gewiss, rief Salmond empört, und überhaupt sei jede Kritik an ihm pure Hybris: Seien nicht britische Politiker schon im Dutzend bei RT aufgetreten? Da trifft Salmond einen wunden Punkt. Eine ganze Reihe von britischen Abgeordneten hat sich auf RT interviewen lassen, und der eine oder andere hat eingeräumt, dafür Geld genommen zu haben. Salmond führte in der BBC, der er in herzlicher Abneigung verbunden ist, triumphierend auf, 50 Labour-Vertreter, 37 Tories und 17 SNP-Politiker hätten den Russen die Ehre gegeben, warum er jetzt geprügelt werde?

Es sei ein Unterschied, ob man für RT eine Show produziere oder sich nur interviewen lasse, keilte der BBC-Moderator in dem aufgeheizten Interview zurück. Salmond, nicht unbedingt für einen Mangel an Selbstbewusstsein bekannt, grinste entzückt: Nun müssten halt alle RT schauen, um zu sehen, ober er sich zum Propaganda-Medium mache. Danach beschwerte sich Salmond schriftlich bei der Premierministerin, weil Downing Street ihm geraten habe, sein Engagement zu überdenken. Das sei ein Angriff auf die freie Rede.

Viel kritische Distanz zu Moskau darf man sich von dem Schotten nicht erwarten. Er war zuletzt mit Lob für Putin aufgefallen, insofern passt er in das Programm: Putin sei effektiv, das Volk stehe hinter ihm, und er habe seiner Nation den Stolz zurückgegeben. In London ist man sich einig, dass Salmond, der derzeit auch an einem Übernahmeversuch der Mediengruppe rund um den New Scotsman beteiligt ist, seltsam zu werden droht.

Aber niemand verkennt die politische Dimension des Falls: Für den kremlnahen Sender Russia Today, der sich auf Druck der USA dort gerade als "ausländischer Agent" registrieren ließ, ist es eine Prestige-Frage, einen ehemaligen First Minister zu gewinnen. Jeder bekannte Name erhöht die Glaubwürdigkeit eines Senders bei seinen Zuschauern, der eines nicht ist: glaubwürdig. Die erste Ausgabe der Show am Wochenende war nicht schlecht besetzt: geladen waren der katalanische Sezessionist und abgesetzte Präsident Carles Puigdemont.

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