Tageszeitung "Neues Deutschland" Betongold

Im angesagten Bezirk Friedrichshain gelegen und Tausende Quadratmeter groß, wäre die Immobilie des Neuen Deutschland auf dem boomenden Berliner Markt mehrere Millionen Wert.

(Foto: Jürgen Ritter/imago)
  • Die Redaktion der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland, ehemaliges Zentralorgan der SED, sitzt in einem Gebäude am Berliner Ostbahnhof.
  • Die Zeitung gehört zur Hälfte einer Beteiligungsgenossenschaft namens communio eG und zu 50 Prozent der Fevac, der Vermögensgesellschaft der Linkspartei.
  • Diese soll besonders an der Immobilie interessiert sein, die auf dem boomenden Berliner Immobilienmarkt mehrere Millionen wert wäre.
Von Verena Mayer, Berlin

Man kann nicht sagen, dass der Sozialismus in Europa tot ist. Zumindest nicht hinter dem Berliner Ostbahnhof. Hier läuft man an einem Stand vorbei, an dem "Original DDR-Softeis" verkauft wird, an einem Restaurant mit dem Namen "Volkskammer" und steht schließlich vor der Redaktion des Neuen Deutschland , des früheren Zentralorgans der SED. Allein das Gebäude: ein grauer Riegel, sieben Stockwerke hoch und einen Häuserblock breit, mit einem Zitat von Karl Marx an der Fassade. Ein Bollwerk des Sozialismus gewissermaßen.

Schon lange ist man allerdings nicht mehr "die stärkste Waffe der Partei", in der stand, was von oben diktiert wurde, mit einer Million Auflage, weil alle das Blatt kauften, ob sie wollten oder nicht. Die "sozialistische Tageszeitung", wie sich das Neue Deutschland noch immer nennt, ist heute redaktionell unabhängig und kommt ziemlich modern daher. Es gibt das Internetportal Supernova, das sich mit Beiträgen zu Sex, Sport oder Mode ("Ich bin links und schminke mich - kommt damit klar!") an ein junges Publikum wendet. Und seit einem Monat erscheint am Samstag nd - Die Woche, eine umfangreiche Wochenendausgabe, schick gelayoutet, mit Schwerpunktthemen und groß bebilderten Strecken.

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Und das obwohl die Hälfte der Belegschaft weiblich ist, wie eine Studie von Pro Quote zum Frauenmachtanteil im Journalismus zeigt. In den Führungsebenen dominieren Männer.

Die täglichen Ausgaben wurden deswegen etwas reduziert, sagt Eva Roth, die in der Chefredaktion für die Wochenendausgabe zuständig ist, die Redaktion soll Zeit haben für die großen Stücke am Samstag. Darin wird über die Grünen und die soziale Marktwirtschaft genauso nachgedacht wie über Frauenfußball und den Hang zur Selbstoptimierung in Zeiten der sozialen Medien. Selbst über Craft Beer gibt es einen Artikel.

Ob die sozialistische Tageszeitung überlebt, ist wie so oft eine Frage des Geldes

Was nicht heißt, dass es mit dem Neuen Deutschland so läuft, wie Erich Honecker sich das einst für den Sozialismus wünschte: vorwärts immer, rückwärts nimmer. Im Gegenteil. Die Auflage geht von Jahr zu Jahr zurück, gerade beträgt sie noch 25 000 Stück. Die Werbeeinnahmen machen gerade mal sieben bis zehn Prozent des Umsatzes aus. Zwei große Entlassungswellen gab es seit den Neunzigerjahren, der Chefredakteur Tom Strohschneider, der 2012 mit großen Hoffnungen von der taz geholt wurde, warf Ende 2017 hin.

Vor einem Jahr war die Lage des Neuen Deutschland dann so desolat, dass es offenbar kurz vor der Insolvenz stand. Ob die sozialistische Tageszeitung überlebt, ist wie so oft eine Frage des Geldes. Nur ist sie in diesem Fall delikater als bei anderen Medienunternehmen. Denn die Zeitung gehört zur Hälfte einer Beteiligungsgenossenschaft namens communio eG und zu 50 Prozent der Fevac, der Vermögensgesellschaft der Linkspartei. Die soll Kritikern zufolge allerdings besonders an der Immobilie interessiert sein, in der das Neue Deutschland sitzt. Im angesagten Bezirk Friedrichshain gelegen und Tausende Quadratmeter groß, wäre sie auf dem boomenden Berliner Immobilienmarkt mehrere Millionen wert, Betongold. Aber weil die Immobilie im Fall einer Insolvenz der Zeitung in die Konkursmasse einfließen würde, sollen die Gesellschafter überlegen, dem Verlag die Anteile an der Gesellschaft zu entziehen, die das Grundstück bewirtschaftet. Die Immobilie würde dann nur der Communio eG und der Fevac gehören.

Diese Befürchtung wurde jedenfalls im April publik, durch einen Brief, den Mitarbeiter des Neuen Deutschland an den Vorstand der Linkspartei schrieben. Darin forderten sie ihn auf, als Gesellschafterin "Verantwortung für die Beschäftigten und die Zeitung" zu übernehmen. Zumal die Redakteure ohnehin schon wenig verdienen, nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit kommt man auf 1700 Euro netto monatlich. Dass die Linkspartei demnach ausgerechnet bei einer sozialistischen Tageszeitung kapitalistisch denken soll, stößt vielen auf. Thomas Nord, bis zum Sommer Bundesschatzmeister der Linkspartei, hält in einer Mail dagegen, es gebe keine Pläne, "etwas an der Unternehmenstätigkeit beziehungsweise den bisher verfolgten Zielen der Grundstücksgesellschaft zu ändern". Es werde "zur Zeit durch die Eigentümer diskutiert und geprüft", wie "dies weiterhin gewährleistet werden kann".

Für Wolfgang Hübner bleibt die Zukunft "ein Auf und Ab", wie auch die vergangenen Jahrzehnte schon. Er ist der aktuelle Chefredakteur, legt aber Wert darauf, das nur vorübergehend zu sein. Wenn es wieder ruhiger werde, wolle man nach einer jüngeren Führungskraft suchen.