Schweizer Verlag:Sexismus-Vorwürfe bei Tamedia

Eiserner Steg in Frankfurt

Respekt statt Sexismus fordert nicht nur dieses Banner in Frankfurt am Main, sondern auch zahlreiche Journalistinnen bei Tamedia.

(Foto: Boris Roessler/picture alliance)

78 Journalistinnen des Schweizer Medienhauses haben sich mit einem Brief an Geschäftsleitung und Chefredaktion gewandt. Sie kritisieren den Umgang mit Frauen scharf.

Von Isabel Pfaff

Die Beispiele klingen schaurig. "Es gibt hier was zu Frisuren. Die Frauen im Team wären gefragt." Oder: "Du bist hübsch, du bringst es sicher noch zu was." Oder: "Da bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?"

Diese und viele weitere sexistische Zitate und Begebenheiten haben 78 Mitarbeiterinnen des Schweizer Medienhauses Tamedia zusammengetragen und vor wenigen Tagen in einem Brief an die Geschäftsleitung und die Chefredaktion, aber auch an alle anderen Mitarbeiter des Verlags verschickt. Zu dem mächtigen Schweizer Medienunternehmen gehört unter anderem der Zürcher Tages-Anzeiger, mit dem auch die Süddeutsche Zeitung kooperiert. Frauen bei Tamedia würden "ausgebremst, zurechtgewiesen, eingeschüchtert", heißt es in dem Brief. Sie kämen weniger zu Wort, würden schlechter bezahlt und seltener befördert. Die Betriebskultur sei männlich geprägt, der Umgangston harsch. Und: Die Probleme seien strukturell, weshalb viele talentierte und erfahrene Frauen das Unternehmen in den vergangenen Jahren verlassen hätten.

Die Unterzeichnerinnen fordern deshalb Veränderungen. Mehr Anstand, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Förderung und eine interne Vertrauensperson für die Meldung solcher Fälle. Bis zum 1. Mai erwarten sie von der Verlagsführung konkrete Vorschläge.

"Nicht akzeptabel" nennt der Chefredakteur zahlreiche Beispiele

Der auf den 5. März datierte Brief landete schnell auf Twitter und schlug dort hohe Wellen. Spätestens am Montag, ausgerechnet dem Weltfrauentag, war klar: Tamedia hat eine heftige Sexismus-Debatte am Hals.

Info

Tamedia ist ein großes Schweizer Medienhaus, zu dem rund zwei Dutzend Bezahlmedien gehören. Zu den wichtigsten Titeln zählen der Zürcher Tages-Anzeiger, die Berner Tageszeitungen Bund und Berner Zeitung, das Genfer Blatt Tribune de Genève und die Basler Zeitung. Im Herbst 2019 hat sich der Konzern neu aufgestellt: Seither ist Tamedia Teil einer Holding namens TX Group. Neben den unter Tamedia zusammengefassten Qualitätsmedien gehören auch Pendlerzeitungen, Jobbörsen, Wohn- und Kleinanzeigenportale sowie eine eigene Werbevermarktungseinheit zur TX Group. Andere große Medienhäuser der Schweiz sind Ringier, die NZZ-Gruppe und CH Media.

Inzwischen ist viel passiert. Schweizer und auch ausländische Medien berichteten über den Protestbrief, rund 100 männliche Tamedia-Mitarbeiter haben sich in einem Brief mit ihren Kolleginnen solidarisiert. Und nun hat auch Arthur Rutishauser, Chefredakteur und Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia, zusammen mit Priska Amstutz, der Co-Chefredakteurin des Tages-Anzeigers, ein offenes Antwortschreiben auf den Brief der 78 Frauen veröffentlicht. "Wir haben diese Schilderungen mit großer Betroffenheit gelesen", heißt es da. "Zahlreiche erwähnte Beispiele sind nicht akzeptabel."

Was ist los in dem Verlagshaus? Auf Twitter schrieb Arthur Rutishauser noch am Wochenende den Satz: "Jegliche Art von Belästigung und Diskriminierung wird bei uns nicht toleriert." Nur: Wie konnte es dann zu den beschriebenen Vorfällen kommen? "Offenbar gab es an verschiedenen Orten Grenzüberschreitungen, von denen ich nichts wusste", antwortet Rutishauser schriftlich auf eine Anfrage der SZ. "Die sind nicht tolerierbar und werden jetzt untersucht." Diese interne Untersuchung kündigen Rutishauser und Amstutz auch in ihrer offiziellen Stellungnahme an, die am Dienstagabend auf der Homepage des Tages-Anzeigers erschien.

Chefredaktor Arthur Rutishauser am Empfang beim Haupteingang des Tamedia Gebäudes

Chefredakteur Arthur Rutishauser im Newsroom des "Tages-Anzeiger".

(Foto: Urs Jaudas/Tamedia)

Das Schreiben ist sichtlich um ehrliche Betroffenheit bemüht. Es zeigt nicht zuletzt, dass Schweizer Medienunternehmen es sich nicht mehr leisten können, Sexismus-Vorwürfe mit Missachtung zu strafen. Das Thema beschäftigt die Branche im Land schon seit vielen Monaten, immer neue Vorfälle und Fehltritte halten die Debatte am Laufen. So musste sich jüngst die Verlagsgruppe CH Media, zu der Blätter wie die Luzerner Zeitung oder das St. Galler Tagblatt gehören, sogar über die Schweiz hinaus für eine sexistische Überschrift rechtfertigen: Über einem Porträt der neuen WTO-Chefin Ngozi Okonjo Iweala stand "Diese Großmutter wird neue Chefin der Welthandelsorganisation".

SRG, die Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft, musste sich im vergangenen Herbst mit heftigen Belästigungsvorwürfen gegen mehrere Kadermänner beim Westschweizer Fernsehen auseinandersetzen. Und Tamedia selbst hat 2019 mit einer Recherche zu Sexismus in der Medienbranche Aufsehen erregt, nach der 53 Prozent von mehr als 400 befragten Journalistinnen angaben, sexuelle Belästigungen oder Übergriffe bei der Arbeit erlebt zu haben. Nun stehen Geschäftsleitung und Chefredaktion des Medienhauses selbst unter massivem Handlungsdruck.

Schon vor acht Jahren wollten Tamedia-Frauen Verbesserungen - die Ziele wurden nie erreicht

Zu Recht, findet Claudia Blumer. Die Inland-Redakteurin arbeitet seit zehn Jahren für Tamedia und hat den Brief mitunterzeichnet. "Unser Frauenanteil war immer schon ziemlich tief", sagt sie, "und das ändert sich einfach nicht." Aktuell liegt er im gesamten Unternehmen bei 38 Prozent, mit großen Unterschieden zwischen den verschiedenen Ebenen, wie es seitens der Chefredaktion heißt - einem fünfköpfigen, rein männlichen Gremium. Auf Ressortleiter-Ebene (ohne Stellvertreter) finden sich laut Impressum in der Tamedia-Mantelredaktion acht Männer und drei Frauen. Auch die beiden Geschäftsführer von Tamedia sind Männer. Laut einem kürzlich veröffentlichten Ranking des Medienmagazins Schweizer Journalist:in zu Frauen in Führungsjobs schneidet die deutschsprachige Tamedia-Redaktion schlechter ab als fast alle anderen großen Medienhäuser der Schweiz.

"Diese fehlende Diversität prägt das Klima stark", sagt Claudia Blumer. Viele ihrer Kolleginnen hätten das Gefühl, dass sich die Atmosphäre in der jüngeren Vergangenheit sogar noch verschlechtert hätte. Als dann in den vergangenen Monaten noch einige Redakteurinnen kündigten, die das Arbeitsklima zumindest mit als Grund angegeben haben, erzählt Blumer, hätte es ihnen gereicht.

Das Erstaunliche ist: Schon vor acht Jahren haben sich Tamedia-Frauen zusammengetan, um die Chancen für Frauen im Unternehmen zu verbessern. Auf ihre Anregung hin formulierte die (männliche) Chefredaktion 2013 ein ziemlich ambitioniertes Ziel, das sogenannte Stauffacher Manifest. Demnach sollte bis 2016 auf allen Ebenen - außer der Chefredaktion - der Frauenanteil 30 Prozent betragen. Doch das Ziel wurde nie erreicht. "Das war ein riesiger Aufwand", erinnert sich Claudia Blumer, die schon damals mit dabei war. Bei jedem frei werdenden Posten habe die Chefredaktion auf Vorschläge der Frauen-Gruppe gewartet, und wenn keiner kam, sei es halt wieder ein Mann geworden. "Da würde ich mich nicht wieder drauf einlassen, so etwas muss Sache der Chefs und nicht einer Frauen-Gruppe sein."

Bis Mitte Mai will die Führung eine "verbindliche Strategie" erarbeiten

Nun sind Frauenanteil und Betriebsklima Chefsache bei Tamedia - allerdings nicht erst seit dem Brief, wie Arthur Rutishauser gegenüber der SZ betont. "Das Thema Diversity ist bei uns in der Geschäftsleitung seit Dezember in Diskussion, seither gibt es auch eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Priska Amstutz." Diese habe zunächst die Ausgangslage untersucht, dabei den Frauenanteil von 38 Prozent festgestellt und auch herausgefunden, dass es keine Hinweise auf systematische Lohnunterschiede gibt. Und: Schon vor dem Frauen-Brief hat die Projektgruppe Claudia Blumer zur Vertrauensperson in Sachen Gleichstellung ernannt, wie Blumer bestätigt.

Allerdings, so räumen Rutishauser und Amstutz in ihrem Schreiben in eigener Sache ein, zeigten die Daten, dass bisherige Maßnahmen nicht ausreichten. "Es ist Zeit für eine verbindliche Strategie." Bis Mitte Mai werde die Projektgruppe eine solche Strategie erarbeiten, darunter auch Zielmarken für den Frauenanteil auf allen Ebenen.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang allerdings die Antwort von Arthur Rutishauser auf die Frage der SZ, warum die Ziele der Stauffacher Deklaration nie erreicht wurden: "Es ist nicht so leicht, in der Schweiz qualifizierte Journalistinnen zu finden." An diesem Punkt dürften die Unterzeichnerinnen des Protestbriefs sicherlich anderer Meinung sein.

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