Journalismus in Großbritannien:Zukunft in der Rückkehr zum Krawall

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Das hat Folgen für die Arbeitsabläufe. Künftig soll beim Telegraph in zwei vollen Schichten gearbeitet werden. Eine beginnt um sechs Uhr morgens, eine zweite bleibt bis Mitternacht. Inhalte sollen in drei Geschwindigkeiten produziert werden: Eilmeldungen müssen sofort auf die Website, für Kommentare, Feature und Analysen soll es mehr Zeit geben. Die Hauptkonferenz des Blattes wird künftig um acht Uhr morgens stattfinden. Der Guardian zitiert einen Mitarbeiter mit den Worten, dass die Online-Nutzer künftig im Zentrum der Entscheidungen des Newsrooms stünden. Die Leser der Zeitung würden jedoch keinen Unterschied bemerken - die gedruckte Zeitung sei weiterhin ein "Kronjuwel".

Wolfgang Blau, vormals Chefredakteur von Zeit Online und seit 2013 Direktor für digitale Strategie beim Guardian sagt: "Was der Telegraph macht, geht über einen integrierten Newsroom, wie wir ihn haben, weit hinaus. Wir produzieren nicht nur für Online, sondern ganz gezielt auch für die gedruckte Zeitung, die ihre Leserschaft größtenteils in und um London findet." Da der Guardian den Anspruch hat, weltweit gelesen zu werden, muss er sich im Netz von der Printausgabe unterscheiden, er unterhält zudem eigene Redaktionen zum Beispiel in den USA und in Australien.

Die hohen jährlichen Verluste kann das Blatt auffangen, weil es von einer Stiftung getragen wird. Allerdings wird in der Branche seit langem darüber gerätselt, ob nicht auch der Guardian mittelfristig ein Bezahlmodell für Online einführt. Digitalchef Blau sagt dazu: "Natürlich schauen wir uns das an. Aber es ergibt in unserer jetzigen Situation, in der wir weltweit wachsen wollen, überhaupt keinen Sinn. Ich glaube, Verlage sollten prinzipiell nicht darüber nachdenken, wie sie ihre Leser zur Kasse bitten können, sondern wie sie sie als Freunde, Mitglieder und Stifter gewinnen, denen klar ist, dass ohne ihre Unterstützung gewisse Arten von Journalismus sterben."

Der Guardian versucht sich derzeit an genau diesem Ansatz. Er bietet so genannte Mitgliedschaften an. Für 135 Pfund im Jahr können Leser "Partner" werden, dafür erhalten sie etwa Rabatte auf Veranstaltungen des Guardian. Von 2016 an soll zudem der Umbau eines Lagerhauses abgeschlossen sein, das in unmittelbarer Nähe des Londoner Redaktionsgebäudes liegt und als eine Art Klubhaus dienen soll. Für 540 Pfund im Jahr können die Leser patron werden, also Gönner oder Mäzen. Sich als "Freund" zu registrieren ist kostenlos. Blau sagt, dass man beim Guardian hofft, auf diese Weise und mit neuen Werbeformen ausreichend Geld einzunehmen, um den Fortbestand des vielfach preisgekrönten Blattes in all seinen Formen zu sichern.

Boulevard in der Kritik

Das zweite große Thema neben den Umwälzungen beim Telegraph war in der britischen Medienbranche zuletzt der Sunday Mirror. Ein Mitarbeiter des Blattes hatte den konservativen Abgeordneten Brooks Newmark kontaktiert und sich als junger weiblicher Fan ausgegeben. Es gelang dem Mitarbeiter, Newmark dazu zu überreden, ihm ein Bild seines Intimbereichs zu schicken. Das Blatt zog eine Skandalgeschichte auf, Newmark trat zurück. Selbst in anderen Boulevard-Blättern wurde der Sunday Mirror dafür kritisiert, dass er den Abgeordneten schlicht reingelegt hatte, um eine süffige Story drucken zu können.

Solche Methoden des Boulevards waren in die Kritik geraten, nachdem 2011 publik geworden war , dass Mitarbeiter der inzwischen eingestellten News of the World jahrelang Mailboxen von Prominenten und Opfern von Verbrechen abgehört hatten. In der folgenden Aufarbeitung durch einen richterlichen Untersuchungsausschuss gelobten alle Verlagshäuser Besserung. In seiner Eigenwerbung bezeichnet sich der Sunday Mirror als "die intelligente Boulevard-Zeitung". Gut möglich erscheint dennoch, dass das Blatt in der seit 2011 nicht mehr ganz so entfesselten Szene der britischen Revolverblätter seine Zukunftsstrategie in der Rückkehr zum Krawall sieht.

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